Else Thomas

Else Thomas

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»Wir gaben nicht auf, wir wollten den Mut behalten.«

Else Ilgner wird am 16. Oktober 1926 in Järischau, einem großen Bauerndorf im Bezirk Breslau, geboren. Mit einer Schwester und zwei Brüdern wächst sie in einem Haus mitten auf dem Järischauer Berg auf. Weit und breit gibt es nur Wald und Berge, die Stadt Striegau liegt einige Kilometer entfernt.

Die Abgeschiedenheit ist gleich­zeitig auch Idylle: In Sichtweite des schlesischen Riesengebirges erkunden die Kinder die Tiere und Pflanzen des Waldes, baden in den Seen des Tagebaugebiets. Der Vater arbeitet als Werkmeister im Granitsteinbruch, die Mutter ist Hausfrau.

In der Dorfschule wird den Kindern neben Lesen, Schreiben und Rechnen nach der Machtergreifung auch die nationalsozialistische Ideologie gelehrt. Else empfindet die politische Propaganda ihres Lehrers als übertrieben, hat aber keinen Zugang zu anderen Formen der Bildung.

Else ist eine fleißige Schülerin und absolviert die achte Klasse mit guten Noten. Nach dem damals üblichen Pflichtjahr beginnt sie eine Ausbildung als Wirtschaftskauffrau. Im Mai 1945 will Else die Lehre beenden, doch die Kriegsgeschehnisse verhindern, dass die 18-Jährige ihren Abschluss machen kann.

Der Vater und ihr älterer Bruder sind mittlerweile zum Dienst in der Wehr­macht eingezogen. Im Januar 1945 suchen Verwandte aus Oberschlesien Unterschlupf bei der Familie. Elses Großmutter, zwei Tanten und deren Kinder fliehen vor der Roten Armee. Striegau wird nun regelrecht von Flüchtlingskolonnen überrannt, gleich­zeitig befindet sich die Wehr­macht auf dem Rückzug. Schnell ist die Stadt überfüllt, auf sämtlichen Fluchtrouten staut es sich. Für die Striegauer Bevölkerung gilt jedoch ein Fluchtverbot.

Aber Elses Familie will gar nicht fliehen. Ihre Eltern wähnen sich auf ihrem Berg in Sicherheit vor dem Krieg und glauben, aufgrund ihrer Parteilosigkeit auch von Seiten der sowjetischen Armee nichts zu befürchten zu haben.

»Wir sagten uns: Wir haben ja niemandem etwas getan, also wird man uns auch nichts tun.«

In der Nacht zum 13. Februar 1945 sprengt die deutsche Wehr­macht eine Munitionsfabrik in unmittelbarer Nähe. Die Explosion ist so enorm, dass die Familie es mit der Angst zu tun bekommt und eilig Sachen packt, um in den Morgenstunden das Haus zu verlassen. Von ihrer Höhe aus können sie die sowjetischen Panzer vor Striegau sehen, also treten sie die Flucht nach Järischau an.

Unterwegs werden sie beschossen. Elses Familie war nicht bewusst, dass sie bereits mitten im Frontgebiet steckt. Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen kommen sie im Kindergarten des katho­lischen Joseph-Stiftes unter, wo aus Stroh und Decken ein provi­so­risches Lager eingerichtet ist. Else ist völlig ahnungslos, wie es nun weitergehen wird.

Eine neue Einheit der Roten Armee rückt an. Betrunken ziehen Soldaten durch das Dorf, plündern und zerstören Wohnungen. Am Abend stürmen die Rotarmisten den Kindergarten und holen Frauen heraus, um sie zu vergewaltigen. Elses Mutter wirft sich schützend über ihre Tochter, um sie zu verstecken. Von nun an kommen die Soldaten jeden Abend, geben erst Schreckschüsse ab und nehmen dann Frauen mit.

Else hat ständig Angst. Sie versteckt sich den ganzen Tag über in einem Trockenklo im Garten und kommt nur kurz heraus, um etwas zu essen. Man fängt Hühner ein und bereitet sie zu, denn Nahrung gibt es sonst kaum. Viele der Jugendlichen werden zu Arbeitseinsätzen geschickt, Elses jüngerer Bruder muss Kühe treiben.

Ihre Mutter bangt jeden Tag, dass die Soldaten Else nicht finden. Schließlich erwirkt sie bei der Oberin einen Unterschlupf für ihre Tochter.

In der Kapelle des Joseph-Stiftes steht ein Altarschrank, darin ist bislang die junge Haushälterin der Grauen Schwestern verborgen worden. Nun dürfen auch Else und ihre Tante mit hinein. In den Stunden von 18 Uhr bis Mitternacht pressen sie sich gemeinsam in das enge Versteck und harren still aus. Wochenlang verbringen sie ihre Abende in dem Altarschrank und sind gezwungen, regungslos mitanzuhören, wenn selbst in der Kapelle Frauen missbraucht werden.

Als Else eines Tages zu einem Krankenbesuch unterwegs ist, wird sie von ihrer schon mehrfach vergewaltigten Tante einem mongo­lischen Soldaten ausgeliefert. Else hat keine Wahl, sie muss dem Rotarmisten folgen. Im Joseph-Stift werden die Kranken einfach aus ihren Betten geworfen, um die Zimmer für Ver­gewal­ti­gungen frei zu machen. Der Soldat zwingt Else, sich auszuziehen. Sie liegt bereits auf dem Bett, da stürmen sowjetische Offiziere den Raum und verhindern den Missbrauch in letzter Minute. Noch nackt flieht Else zurück in die Gartentoilette.

Mitte März kehrt die Wehrmacht zurück. Das Dorf wird zum Schauplatz einer Panzerschlacht. Else und ihre Familie verstecken sich im Keller des Joseph-Stiftes, doch schon nach kurzer Zeit werden sie vertrieben. Die Räume, in denen sie eben noch Schutz gefunden haben, sind bereits gefüllt mit deutschen Kriegs­gefangenen.

Sie fliehen kilometerweit über die Dörfer und kommen unterwegs an etlichen Soldatenleichen und toten Tieren vorbei, sehen die Verwüstungen des Krieges.

Nach einer Übernachtung auf einem Bauerngehöft geht es weiter Richtung Neumarkt. Das Gebiet ist bereits in sowjetischer Hand. In einer Schule in Jenkwitz kommen die Flüchtlinge unter. Auch hier werden wieder Jugendliche zu Arbeitseinsätzen mitgenommen, Else soll bei Schanzarbeiten für einen Flugplatz helfen. Dort angekommen trifft sie auf eine große Gruppe Frauen und Männer, die aus der Gegend zusammengetrieben wurden und Gefangene der Roten Armee sind. Angsterfüllt bittet Else einen Wach­habenden, noch einmal zu ihrer Mutter zu dürfen, und tatsächlich darf sie gehen.

Die Familie packt erneut ihr Bündel und flieht, doch am Orts­ausgang befindet sich die sowjetische Kommandantur und man greift sie auf. Else und ihr 16-jähriger Bruder werden verhört. Man wirft ihnen Sabotage der sowjetischen Armee vor, denn schließlich seien sie Mitglieder in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel.

Elses Bruder wird freigelassen, er versteckt sich fortan. Für Else beginnt nun ein Leidensweg. Zuerst wird sie in eine Dachkammer gesperrt, zusammen mit Frauen, jungen Mädchen und alten Männern. Sie liegen auf dem blanken Fußboden, erhalten nur selten etwas zu essen: Pellkartoffeln, die dann nicht für alle reichen. Jeder Toilettengang wird von bewaffneten Soldaten bewacht.

Bis zum 16. März werden sie in verschiedenen Schweine- und Kuhställen zusammengepfercht, dann lädt man alle auf einen Lkw und fährt sie nach Oberschlesien. Eine Nacht müssen sie auf dem Bahnhof Tarnowitz im Freien verbringen, schließlich geht es mit dem Zug bis nach Beuthen, wo sich eine Sammelstelle für die zukünftigen Zwangsarbeiter befindet.

Der Hof des Gefängnisgebäudes ist von Menschenmassen hoffnungslos überfüllt. Zu zwölft verteilt man die Frauen auf Zellen, die eigentlich nur für eine Person gedacht sind. Die hygienischen Zustände sind desolat.

»Zu essen kriegten wir nach wie vor nichts weiter. Es war gerade so, dass wir überleben konnten.«

Zwei Wochen lang muss Else in dieser Enge aushalten. In der Hoffnung, ihren Verbleib damit weiterzutragen, ritzen die jungen Frauen ihre Namen in die Wände. Aus der Zelle heraus beobachten sie immer wieder den Massenandrang auf dem Hof, ein schier endloser Strom von Neuzugängen. Plötzlich erkennt eine Leidensgenossin ihre Mutter, sie schreit und weint, doch draußen hört man das nicht.

Die Wachhabenden deuten den Frauen gegenüber an, es ginge bald in Richtung Sibirien, doch Else kann das nicht glauben, da sie sich doch keines Vergehens schuldig gemacht hat.

Am Ostersonntag 1945 erfolgt der Befehl zum Abmarsch. Die ersten Kilometer müssen die Frauen laufen, am Bahnhof angekommen verlädt man sie auf Viehwaggons. Etwa 150 Frauen befinden sich in diesem Transport, der Großteil der Verschleppten sind Männer.

Vier Wochen sind sie unterwegs, und immer wieder muss der Zug auf den Nebengleisen warten, weil der normale Verkehr nicht behindert werden darf. Steht der Zug still, so erhalten sie auch etwas zu essen, hartes Brot. Sie trinken Wasser aus Pfützen, weil es nichts anderes gibt. Da die Gefangenen aber durch Ungeziefer, Krankheiten und die wochenlange Unterernährung bereits sehr geschwächt sind, sterben nun viele an Dehydratation. Die Toten werden in einem der Waggons gestapelt oder einfach an den Gleisen liegengelassen.

Während des Transports sieht Else auch das Elend in den Frontgebieten und die vom Krieg zerstörten Dörfer. Ihr begegnen ausgemergelte sowjetische Waisenkinder, die aus Wut auf die »deutschen Faschisten « manchmal Steine werfen.

»Da stellte ich fest, was Menschen Menschen antun können. Das war für mich die Erkenntnis, das war unbeschreiblich.«

Ende April 1945 erreichen sie Kemerowo, einen Verwaltungsbezirk im Südwesten Sibiriens. Das Kriegsgefangenen- und Internie­rungs­lager Nr. 503 ist ein Zwangsarbeiterlager des GULAG-Systems – ein sowjetisches Repressionssystem, bestehend aus Arbeits- und Straflagern, Gefängnissen und Verbannungsorten, das bis in die Zarenzeit zurückreicht, jedoch erst unter Josef Stalin 1929 eine straffe Organisation zur Ausnutzung der Arbeitskraft der Inter­nierten erfährt. Die Gesamtzahl der aus Deutschland in sibirische Arbeitslager Deportierten wird auf 20 000 bis 25 000 Menschen geschätzt.

Das Lager Kemerowo zeigt sich Else als eine Ansammlung von Baracken, umzäunt mit einer Sichtblende und umgeben von vier Wachtürmen. An das Lager grenzt eine Siedlung ehemaliger Wolgadeutscher. Else kommt in der einzigen Frauenbaracke des Lagers unter – ein Lehmbau, der halb unter der Erde liegt. Am Anfang gibt es als Schlafgelegenheit nur lange Bretterpritschen ohne Strohsäcke und Decken.

Die Welt befindet sich immer noch im Kriegszustand, an allem herrscht Mangel, auch an den von Stalin geforderten »lebenden Reparationen«: arbeitsfähige Männer zwischen 17 und 45 Jahren. Darum wird Stalins Deportationsbefehl vom 16. Dezember 1944 explizit der Einsatz weiblicher Arbeitskräfte im Alter von 18 bis 30 Jahren hinzugefügt.

Die im Lager Nr. 503 bereits untergebrachten deutschen Kriegsgefangenen sind bestürzt, als die Mädchen und Frauen eintreffen. Kontakte zu den männlichen Zwangsarbeitern sind eigentlich strikt untersagt, doch kaum zu verhindern. Die Männer helfen den Mädchen oft, besorgen ihnen beispielsweise leere Konservendosen und montieren Henkel daran, damit sie ein Gefäß für die Essensausgabe besitzen.

Die Gefangenen sind kraftlos, viele sterben in den ersten Jahren. Im Sommer sind die Temperaturen tropisch hoch, im Winter herrscht bittere Kälte. Else hat sich vor der Abreise viele Kleider über­einander gezogen, andere sind aber nur mit dem ausgestattet, was sie am Leib getragen haben, als sie plötzlich mitgehen müssen. Später werden ihnen angeschmutzte Wattesachen ausgeteilt, die etwas Schutz vor der Kälte bieten.

Am Schlimmsten setzen den Frauen die Ratten, Wanzen und Läuse zu, die nicht nur lästige Bisswunden verursachen, sondern auch Krankheiten übertragen. Wasser ist im Lager knapp und kann neben der Trinkversorgung nur dürftig für die Körperhygiene verwendet werden.

Die Gegend um Kemerowo ist ein Kohlebergbaugebiet, viele Internierte müssen unter Tage arbeiten. Die Frauen werden kurz nach ihrer Ankunft auf ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Else wird der Kategorie Eins zugeteilt, der höchsten Stufe, deshalb wird sie zur Arbeit in der Ziegelei eingesetzt.

Die Mädchen müssen die frisch gebrannten Ziegel auf Waggons laden. Handschuhe gibt es keine, und so bluten ihre aufgerissenen Hände schon nach kurzer Zeit. Sie arbeiten sieben Tage die Woche in Zwölf-Stunden-Schichten. Reichen die Arbeitskräfte einmal nicht aus, werden auch die Fieberkranken aus den Betten geholt. Manchmal ist es Else lieber, die schwere Arbeit zu verrichten, als sich das Elend der Kranken und Hungernden in der Baracke anzusehen.

Nach zwei Jahren in der Ziegelei setzt man sie an die Bedienung einer Lehm-Mischmaschine. Die Arbeit ist körperlich leichter, doch wenn sie in die Walze steigen muss, um festgefrorene Lehmbrocken herauszuholen, hat sie stets Angst, dass oben jemand die Motoren anwirft.

Später werden Else und weitere Internierte in ein Stadtlager gebracht, dort helfen sie beim Häuser- und Brückenbau mit, müssen Fundamente graben, Zement ausladen, Putzarbeiten in Fabriken leisten. Im Herbst zieht man sie zur Erntehilfe heran. Ein Glücksfall für die Frauen, denn hier gibt es zusätzliches Essen.

Der Hunger treibt viele dazu, bei der Bevölkerung betteln zu gehen. Else hat erst große Hemmungen, sie schämt sich für ihre Not, zudem ist das Betteln streng verboten. Eines Tages wird sie ertappt, die Strafe sind 24 Stunden im Karzer – eine Arrestzelle ohne Licht und Essen.

Die Russlanddeutschen, bei denen die Lagerinsassen betteln, sind selbst Deportierte aus der ehemaligen Wolgadeutschen Republik. Sie haben Verständnis für die Lage der Zwangsarbeiter und zeigen Solidarität, obwohl sie auch nicht viel besitzen. Auf der Kolchose verbringt Else gerne ihre Zeit mit ihnen, dann werden gemeinsam Heimatlieder gesungen und Gedanken ausgetauscht.

»Ja, wir sangen. Wir unterstützten uns. Und wir glaubten auch noch.«

Da in den ersten zwei Jahren sehr viele Internierte des Lagers Nr. 503 Kemerowo sterben, werden 1947 die noch als arbeits­tauglich befundenen Inhaftierten des Lagers Mühlberg mit Winterkleidung wie Wattejacken und Pelzkappen ausgestattet und ebenfalls nach Sibirien deportiert. Else lernt die Männer dieses sogenannten Pelzmützentransports kennen. Es entstehen Bekanntschaften, die bis heute anhalten.

Else befreundet sich insbesondere mit einem Tauchaer Medizin­studenten, sie schreiben sich im Lager Briefe. Die Essensfahrer ermöglichen den Austausch von solchen Zettelchen – kleine Stückchen Packpapier, die aus den Innenseiten von Zementsäcken gerissen werden. Nach Elses Entlassung stirbt der Medizin­student bei einem Unglück auf dem Rückweg aus Sibirien.

Im Lager haben Frauen auch Verbindungen zu Männern in verantwortungsvollen Positionen, diese Kontakte werden toleriert. Die Frauen erhalten Vergünstigungen und ausreichend Nahrung, manchmal entstehen Kinder aus solchen Beziehungen. Bei den meisten Frauen bleibt die Menstruation infolge der Unter­ernährung jedoch aus – angesichts der hygienischen Zustände eher ein Segen als ein Fluch.

In Antifa-Schulungen will man den Internierten den Marxismus-Leninismus nahebringen. Einige lassen sich freiwillig zu Dozenten ausbilden, denn die Tätigkeit ist bedeutend leichter als die üblichen Arbeitsaufgaben. Else empfindet die Ideologie als großen Wider­spruch zu ihrem Zustand als Gefangene.

Wie in allen Einrichtungen des GULAG so sind auch im Lager Kemerowo Mitarbeiter des NKWD vertreten, welche die Zivil­inter­nierten regelmäßig zu Verhören holen. Ziel dieser Vernehmungen ist es, Kriegsverbrecher ausfindig zu machen.

Else zittert vor Angst, als sie das erste Mal zu einer solchen Befragung geholt wird. Ein Mann und eine Frau in Zivil sitzen ihr gegenüber, versprechen ihr bessere Behandlung und zusätzliche Essensrationen, wenn sie für die Sowjetunion arbeite. Else weigert sich.

Im letzten Jahr ihrer Internierung im Arbeitslager tritt allmählich eine Besserung der Zustände ein. Für die Frauen sind die nun stattfindenden Kulturabende eine Abwechslung, die sie geradezu aufsaugen. Unter den Kriegsgefangenen gibt es Musiker, die Konzerte geben oder zum Tanz aufspielen. Die Zwangsarbeiter führen Theaterstücke auf. Man singt, trägt Gedichte vor, sitzt beisammen und beobachtet den Sonnenuntergang in der Taiga.

Darüber, wie lange ihre Zwangsarbeit andauern wird, erhält Else die ganze Zeit keinerlei Auskunft. Mit Kriegsende wird ein großer Appell veranstaltet. Triumphierend teilen die Sowjets den Verschleppten mit, dass Hitler tot sei. Else erfasst die nackte Panik. Was geschieht nun mit ihnen? Geht es jemals wieder nach Hause? Die Lagerinsassen erhalten keine weiteren Informationen zum Weltgeschehen, sie sind völlig abgeschottet.

1947 dürfen sie über das Internationale Rote Kreuz Postkarten nach Hause schreiben. Es ist das erste Lebenszeichen, das Else ihrer Familie senden kann. Manche der Internierten erhalten niemals Antwort, denn alle Angehörigen sind tot. Auch Elses Post kommt anfangs zurück, doch dann kann sie mithilfe des Järischauer Pfarrers die Eltern ausfindig machen. Die Familie ist ins sächsische Frohburg umgesiedelt.

Nach vier Jahren und sieben Monaten im Lager Kemerowo wird Else entlassen. Der Transport nach Westsibirien im April 1945 hat aus 2000 Verschleppten bestanden, von ihnen kehren im Oktober 1949 nur 400 zurück.

Entlassungsausweis für Else Ilgner, Oktober 1949

Elses Ankunft auf dem Frohburger Bahnhof prägt sich ihr bildhaft ein. An ihrem Holzkoffer, der Wattejacke und den lila Strümpfen erkennen die Leute sofort, woher sie kommt.

»Als ich nach Hause kam, war ich seelisch am Boden. Ich hatte überhaupt kein Selbstbewusstsein mehr.«

Der Neuanfang in Frohburg ist für Else ein Kulturschock und es fällt ihr schwer, sich einzugewöhnen. Sie traut sich kaum auf die Straße und kann nachts nicht schlafen. Hilfsbereite Bekannte bringen ihr Kleidung vorbei, wollen im Gegenzug aber auch Details aus ihrer Gefangenschaft erfahren.

Das Arbeitsamt vermittelt ihr 1950 eine Stelle als Sachbearbeiterin bei der Konsumgenossenschaft in Borna, nach Gründung der Bezirksverbände 1952 arbeitet sie in Leipzig. Else ist für die Mit­glieder­organi­sation verantwortlich – für 400 000 Mitglieder und 12 000 ehrenamtliche Funktionäre. Sie muss ihre Menschenscheu überwinden, auf Versammlungen reden, sie muss funktionieren. Es fällt ihr schwer, doch nach und nach entwickelt sie große Freude an der Arbeit mit Menschen.

1956 absolviert sie ein Abendstudium im Fach Binnenhandel. Der Marxismus-Leninismus, Pflichtfach einer jeden Hoch­schul­ausbildung, erscheint ihr immer plausibler. Der Schwung beim Aufbau der DDR begeistert sie, und so wird Else Mitglied der SED und der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft DSF. Da sie mit der Kirche nicht mehr zurechtkommt, tritt sie aus.

Else heiratet, zieht einen Sohn und eine Tochter groß. Ihre Zeit im sibirischen Arbeitslager verdrängt sie, und offiziell ist dieses Thema in der DDR ein Tabu. Mit zwei Kollegen, die ebenfalls in Kemerowo interniert waren, tauscht sie sich dennoch ab und zu aus.

Vierzig Jahre bleibt sie in dem Betrieb. Ihr Verhältnis zum Sozia­lis­mus hat sich unterdessen stark verändert. Ihr Mann, ein Lehrer aus Berlin, ist Dolmetscher für die amerikanischen Besatzer in den alten Bundesländern gewesen. Als sogenannter Rückkehrer wird er vom Ministerium für Staatssicherheit MfS verfolgt, Else erfährt deshalb von der Genossenschaftsleitung offene Ablehnung.

Mit dem Willen, die Kluft zwischen Propaganda und Realität zu thematisieren, die Zustände in der DDR zu verbessern, Fehler im System zu beheben und Lügen aufzudecken, läuft Else stets gegen Wände.

Nach der deutschen Wiedervereinigung arbeitet Else ihre Ver­gangen­heit aktiv auf. Sie engagiert sich in verschiedenen Opfer­verbänden, fährt in die alte Heimat, wo sie Kontakte zu polnischen Heimatgruppen knüpft und für die katholische Kirche spendet. Mit unerschöpflicher Wissbegierde liest sie zahlreiche Bücher, um die Hintergründe ihrer Deportation und die Gescheh­nisse im National­sozialismus zu verstehen.

Bestätigung des DRK-Suchdienstes über Else Thomas‘ Internierung, Juni 2002

Bis zum heutigen Tag hat sie in mehr als fünfzig Vorträgen über ihr Schicksal berichtet. Else ist auf Versöhnung eingerichtet und stellt Toleranz und Solidarität in den Mittelpunkt ihres Handelns. Sie glaubt an das Gute.

Eine Opfer­entschädigung für die Jahre der Zwangsarbeit hat Else bisher nicht erhalten. Mit einer am 01. August 2016 in Kraft tretenden Richtlinie hat das Bundesministerium des Innern nun die seit Jahren diskutierte Entschädigung beschlossen. Auf Antrag wird den ehemaligen deutschen Zwangsarbeitern eine einmalige finanzielle Anerkennungsleistung ausgezahlt.

»Wir gaben nicht auf, wir wollten den Mut behalten.«

Else Ilgner wird am 16. Oktober 1926 in Järischau, einem großen Bauerndorf im Bezirk Breslau, geboren. Mit einer Schwester und zwei Brüdern wächst sie in einem Haus mitten auf dem Järischauer Berg auf. Weit und breit gibt es nur Wald und Berge, die Stadt Striegau liegt einige Kilometer entfernt.

Die Abgeschiedenheit ist gleich­zeitig auch Idylle: In Sichtweite des schlesischen Riesengebirges erkunden die Kinder die Tiere und Pflanzen des Waldes, baden in den Seen des Tagebaugebiets. Der Vater arbeitet als Werkmeister im Granitsteinbruch, die Mutter ist Hausfrau.

In der Dorfschule wird den Kindern neben Lesen, Schreiben und Rechnen nach der Machtergreifung auch die nationalsozialistische Ideologie gelehrt. Else empfindet die politische Propaganda ihres Lehrers als übertrieben, hat aber keinen Zugang zu anderen Formen der Bildung.

Else ist eine fleißige Schülerin und absolviert die achte Klasse mit guten Noten. Nach dem damals üblichen Pflichtjahr beginnt sie eine Ausbildung als Wirtschaftskauffrau. Im Mai 1945 will Else die Lehre beenden, doch die Kriegsgeschehnisse verhindern, dass die 18-Jährige ihren Abschluss machen kann.

Der Vater und ihr älterer Bruder sind mittlerweile zum Dienst in der Wehr­macht eingezogen. Im Januar 1945 suchen Verwandte aus Oberschlesien Unterschlupf bei der Familie. Elses Großmutter, zwei Tanten und deren Kinder fliehen vor der Roten Armee. Striegau wird nun regelrecht von Flüchtlingskolonnen überrannt, gleich­zeitig befindet sich die Wehr­macht auf dem Rückzug. Schnell ist die Stadt überfüllt, auf sämtlichen Fluchtrouten staut es sich. Für die Striegauer Bevölkerung gilt jedoch ein Fluchtverbot.

Aber Elses Familie will gar nicht fliehen. Ihre Eltern wähnen sich auf ihrem Berg in Sicherheit vor dem Krieg und glauben, aufgrund ihrer Parteilosigkeit auch von Seiten der sowjetischen Armee nichts zu befürchten zu haben.

»Wir sagten uns: Wir haben ja niemandem etwas getan, also wird man uns auch nichts tun.«

In der Nacht zum 13. Februar 1945 sprengt die deutsche Wehr­macht eine Munitionsfabrik in unmittelbarer Nähe. Die Explosion ist so enorm, dass die Familie es mit der Angst zu tun bekommt und eilig Sachen packt, um in den Morgenstunden das Haus zu verlassen. Von ihrer Höhe aus können sie die sowjetischen Panzer vor Striegau sehen, also treten sie die Flucht nach Järischau an.

Unterwegs werden sie beschossen. Elses Familie war nicht bewusst, dass sie bereits mitten im Frontgebiet steckt. Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen kommen sie im Kindergarten des katho­lischen Joseph-Stiftes unter, wo aus Stroh und Decken ein provi­so­risches Lager eingerichtet ist. Else ist völlig ahnungslos, wie es nun weitergehen wird.

Eine neue Einheit der Roten Armee rückt an. Betrunken ziehen Soldaten durch das Dorf, plündern und zerstören Wohnungen. Am Abend stürmen die Rotarmisten den Kindergarten und holen Frauen heraus, um sie zu vergewaltigen. Elses Mutter wirft sich schützend über ihre Tochter, um sie zu verstecken. Von nun an kommen die Soldaten jeden Abend, geben erst Schreckschüsse ab und nehmen dann Frauen mit.

Else hat ständig Angst. Sie versteckt sich den ganzen Tag über in einem Trockenklo im Garten und kommt nur kurz heraus, um etwas zu essen. Man fängt Hühner ein und bereitet sie zu, denn Nahrung gibt es sonst kaum. Viele der Jugendlichen werden zu Arbeitseinsätzen geschickt, Elses jüngerer Bruder muss Kühe treiben.

Ihre Mutter bangt jeden Tag, dass die Soldaten Else nicht finden. Schließlich erwirkt sie bei der Oberin einen Unterschlupf für ihre Tochter.

In der Kapelle des Joseph-Stiftes steht ein Altarschrank, darin ist bislang die junge Haushälterin der Grauen Schwestern verborgen worden. Nun dürfen auch Else und ihre Tante mit hinein. In den Stunden von 18 Uhr bis Mitternacht pressen sie sich gemeinsam in das enge Versteck und harren still aus. Wochenlang verbringen sie ihre Abende in dem Altarschrank und sind gezwungen, regungslos mitanzuhören, wenn selbst in der Kapelle Frauen missbraucht werden.

Als Else eines Tages zu einem Krankenbesuch unterwegs ist, wird sie von ihrer schon mehrfach vergewaltigten Tante einem mongo­lischen Soldaten ausgeliefert. Else hat keine Wahl, sie muss dem Rotarmisten folgen. Im Joseph-Stift werden die Kranken einfach aus ihren Betten geworfen, um die Zimmer für Ver­gewal­ti­gungen frei zu machen. Der Soldat zwingt Else, sich auszuziehen. Sie liegt bereits auf dem Bett, da stürmen sowjetische Offiziere den Raum und verhindern den Missbrauch in letzter Minute. Noch nackt flieht Else zurück in die Gartentoilette.

Mitte März kehrt die Wehrmacht zurück. Das Dorf wird zum Schauplatz einer Panzerschlacht. Else und ihre Familie verstecken sich im Keller des Joseph-Stiftes, doch schon nach kurzer Zeit werden sie vertrieben. Die Räume, in denen sie eben noch Schutz gefunden haben, sind bereits gefüllt mit deutschen Kriegs­gefangenen.

Sie fliehen kilometerweit über die Dörfer und kommen unterwegs an etlichen Soldatenleichen und toten Tieren vorbei, sehen die Verwüstungen des Krieges.

Nach einer Übernachtung auf einem Bauerngehöft geht es weiter Richtung Neumarkt. Das Gebiet ist bereits in sowjetischer Hand. In einer Schule in Jenkwitz kommen die Flüchtlinge unter. Auch hier werden wieder Jugendliche zu Arbeitseinsätzen mitgenommen, Else soll bei Schanzarbeiten für einen Flugplatz helfen. Dort angekommen trifft sie auf eine große Gruppe Frauen und Männer, die aus der Gegend zusammengetrieben wurden und Gefangene der Roten Armee sind. Angsterfüllt bittet Else einen Wach­habenden, noch einmal zu ihrer Mutter zu dürfen, und tatsächlich darf sie gehen.

Die Familie packt erneut ihr Bündel und flieht, doch am Orts­ausgang befindet sich die sowjetische Kommandantur und man greift sie auf. Else und ihr 16-jähriger Bruder werden verhört. Man wirft ihnen Sabotage der sowjetischen Armee vor, denn schließlich seien sie Mitglieder in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel.

Elses Bruder wird freigelassen, er versteckt sich fortan. Für Else beginnt nun ein Leidensweg. Zuerst wird sie in eine Dachkammer gesperrt, zusammen mit Frauen, jungen Mädchen und alten Männern. Sie liegen auf dem blanken Fußboden, erhalten nur selten etwas zu essen: Pellkartoffeln, die dann nicht für alle reichen. Jeder Toilettengang wird von bewaffneten Soldaten bewacht.

Bis zum 16. März werden sie in verschiedenen Schweine- und Kuhställen zusammengepfercht, dann lädt man alle auf einen Lkw und fährt sie nach Oberschlesien. Eine Nacht müssen sie auf dem Bahnhof Tarnowitz im Freien verbringen, schließlich geht es mit dem Zug bis nach Beuthen, wo sich eine Sammelstelle für die zukünftigen Zwangsarbeiter befindet.

Der Hof des Gefängnisgebäudes ist von Menschenmassen hoffnungslos überfüllt. Zu zwölft verteilt man die Frauen auf Zellen, die eigentlich nur für eine Person gedacht sind. Die hygienischen Zustände sind desolat.

»Zu essen kriegten wir nach wie vor nichts weiter. Es war gerade so, dass wir überleben konnten.«

Zwei Wochen lang muss Else in dieser Enge aushalten. In der Hoffnung, ihren Verbleib damit weiterzutragen, ritzen die jungen Frauen ihre Namen in die Wände. Aus der Zelle heraus beobachten sie immer wieder den Massenandrang auf dem Hof, ein schier endloser Strom von Neuzugängen. Plötzlich erkennt eine Leidensgenossin ihre Mutter, sie schreit und weint, doch draußen hört man das nicht.

Die Wachhabenden deuten den Frauen gegenüber an, es ginge bald in Richtung Sibirien, doch Else kann das nicht glauben, da sie sich doch keines Vergehens schuldig gemacht hat.

Am Ostersonntag 1945 erfolgt der Befehl zum Abmarsch. Die ersten Kilometer müssen die Frauen laufen, am Bahnhof angekommen verlädt man sie auf Viehwaggons. Etwa 150 Frauen befinden sich in diesem Transport, der Großteil der Verschleppten sind Männer.

Vier Wochen sind sie unterwegs, und immer wieder muss der Zug auf den Nebengleisen warten, weil der normale Verkehr nicht behindert werden darf. Steht der Zug still, so erhalten sie auch etwas zu essen, hartes Brot. Sie trinken Wasser aus Pfützen, weil es nichts anderes gibt. Da die Gefangenen aber durch Ungeziefer, Krankheiten und die wochenlange Unterernährung bereits sehr geschwächt sind, sterben nun viele an Dehydratation. Die Toten werden in einem der Waggons gestapelt oder einfach an den Gleisen liegengelassen.

Während des Transports sieht Else auch das Elend in den Frontgebieten und die vom Krieg zerstörten Dörfer. Ihr begegnen ausgemergelte sowjetische Waisenkinder, die aus Wut auf die »deutschen Faschisten « manchmal Steine werfen.

»Da stellte ich fest, was Menschen Menschen antun können. Das war für mich die Erkenntnis, das war unbeschreiblich.«

Ende April 1945 erreichen sie Kemerowo, einen Verwaltungsbezirk im Südwesten Sibiriens. Das Kriegsgefangenen- und Internie­rungs­lager Nr. 503 ist ein Zwangsarbeiterlager des GULAG-Systems – ein sowjetisches Repressionssystem, bestehend aus Arbeits- und Straflagern, Gefängnissen und Verbannungsorten, das bis in die Zarenzeit zurückreicht, jedoch erst unter Josef Stalin 1929 eine straffe Organisation zur Ausnutzung der Arbeitskraft der Inter­nierten erfährt. Die Gesamtzahl der aus Deutschland in sibirische Arbeitslager Deportierten wird auf 20 000 bis 25 000 Menschen geschätzt.

Das Lager Kemerowo zeigt sich Else als eine Ansammlung von Baracken, umzäunt mit einer Sichtblende und umgeben von vier Wachtürmen. An das Lager grenzt eine Siedlung ehemaliger Wolgadeutscher. Else kommt in der einzigen Frauenbaracke des Lagers unter – ein Lehmbau, der halb unter der Erde liegt. Am Anfang gibt es als Schlafgelegenheit nur lange Bretterpritschen ohne Strohsäcke und Decken.

Die Welt befindet sich immer noch im Kriegszustand, an allem herrscht Mangel, auch an den von Stalin geforderten »lebenden Reparationen«: arbeitsfähige Männer zwischen 17 und 45 Jahren. Darum wird Stalins Deportationsbefehl vom 16. Dezember 1944 explizit der Einsatz weiblicher Arbeitskräfte im Alter von 18 bis 30 Jahren hinzugefügt.

Die im Lager Nr. 503 bereits untergebrachten deutschen Kriegsgefangenen sind bestürzt, als die Mädchen und Frauen eintreffen. Kontakte zu den männlichen Zwangsarbeitern sind eigentlich strikt untersagt, doch kaum zu verhindern. Die Männer helfen den Mädchen oft, besorgen ihnen beispielsweise leere Konservendosen und montieren Henkel daran, damit sie ein Gefäß für die Essensausgabe besitzen.

Die Gefangenen sind kraftlos, viele sterben in den ersten Jahren. Im Sommer sind die Temperaturen tropisch hoch, im Winter herrscht bittere Kälte. Else hat sich vor der Abreise viele Kleider über­einander gezogen, andere sind aber nur mit dem ausgestattet, was sie am Leib getragen haben, als sie plötzlich mitgehen müssen. Später werden ihnen angeschmutzte Wattesachen ausgeteilt, die etwas Schutz vor der Kälte bieten.

Am Schlimmsten setzen den Frauen die Ratten, Wanzen und Läuse zu, die nicht nur lästige Bisswunden verursachen, sondern auch Krankheiten übertragen. Wasser ist im Lager knapp und kann neben der Trinkversorgung nur dürftig für die Körperhygiene verwendet werden.

Die Gegend um Kemerowo ist ein Kohlebergbaugebiet, viele Internierte müssen unter Tage arbeiten. Die Frauen werden kurz nach ihrer Ankunft auf ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Else wird der Kategorie Eins zugeteilt, der höchsten Stufe, deshalb wird sie zur Arbeit in der Ziegelei eingesetzt.

Die Mädchen müssen die frisch gebrannten Ziegel auf Waggons laden. Handschuhe gibt es keine, und so bluten ihre aufgerissenen Hände schon nach kurzer Zeit. Sie arbeiten sieben Tage die Woche in Zwölf-Stunden-Schichten. Reichen die Arbeitskräfte einmal nicht aus, werden auch die Fieberkranken aus den Betten geholt. Manchmal ist es Else lieber, die schwere Arbeit zu verrichten, als sich das Elend der Kranken und Hungernden in der Baracke anzusehen.

Nach zwei Jahren in der Ziegelei setzt man sie an die Bedienung einer Lehm-Mischmaschine. Die Arbeit ist körperlich leichter, doch wenn sie in die Walze steigen muss, um festgefrorene Lehmbrocken herauszuholen, hat sie stets Angst, dass oben jemand die Motoren anwirft.

Später werden Else und weitere Internierte in ein Stadtlager gebracht, dort helfen sie beim Häuser- und Brückenbau mit, müssen Fundamente graben, Zement ausladen, Putzarbeiten in Fabriken leisten. Im Herbst zieht man sie zur Erntehilfe heran. Ein Glücksfall für die Frauen, denn hier gibt es zusätzliches Essen.

Der Hunger treibt viele dazu, bei der Bevölkerung betteln zu gehen. Else hat erst große Hemmungen, sie schämt sich für ihre Not, zudem ist das Betteln streng verboten. Eines Tages wird sie ertappt, die Strafe sind 24 Stunden im Karzer – eine Arrestzelle ohne Licht und Essen.

Die Russlanddeutschen, bei denen die Lagerinsassen betteln, sind selbst Deportierte aus der ehemaligen Wolgadeutschen Republik. Sie haben Verständnis für die Lage der Zwangsarbeiter und zeigen Solidarität, obwohl sie auch nicht viel besitzen. Auf der Kolchose verbringt Else gerne ihre Zeit mit ihnen, dann werden gemeinsam Heimatlieder gesungen und Gedanken ausgetauscht.

»Ja, wir sangen. Wir unterstützten uns. Und wir glaubten auch noch.«

Da in den ersten zwei Jahren sehr viele Internierte des Lagers Nr. 503 Kemerowo sterben, werden 1947 die noch als arbeits­tauglich befundenen Inhaftierten des Lagers Mühlberg mit Winterkleidung wie Wattejacken und Pelzkappen ausgestattet und ebenfalls nach Sibirien deportiert. Else lernt die Männer dieses sogenannten Pelzmützentransports kennen. Es entstehen Bekanntschaften, die bis heute anhalten.

Else befreundet sich insbesondere mit einem Tauchaer Medizin­studenten, sie schreiben sich im Lager Briefe. Die Essensfahrer ermöglichen den Austausch von solchen Zettelchen – kleine Stückchen Packpapier, die aus den Innenseiten von Zementsäcken gerissen werden. Nach Elses Entlassung stirbt der Medizin­student bei einem Unglück auf dem Rückweg aus Sibirien.

Im Lager haben Frauen auch Verbindungen zu Männern in verantwortungsvollen Positionen, diese Kontakte werden toleriert. Die Frauen erhalten Vergünstigungen und ausreichend Nahrung, manchmal entstehen Kinder aus solchen Beziehungen. Bei den meisten Frauen bleibt die Menstruation infolge der Unter­ernährung jedoch aus – angesichts der hygienischen Zustände eher ein Segen als ein Fluch.

In Antifa-Schulungen will man den Internierten den Marxismus-Leninismus nahebringen. Einige lassen sich freiwillig zu Dozenten ausbilden, denn die Tätigkeit ist bedeutend leichter als die üblichen Arbeitsaufgaben. Else empfindet die Ideologie als großen Wider­spruch zu ihrem Zustand als Gefangene.

Wie in allen Einrichtungen des GULAG so sind auch im Lager Kemerowo Mitarbeiter des NKWD vertreten, welche die Zivil­inter­nierten regelmäßig zu Verhören holen. Ziel dieser Vernehmungen ist es, Kriegsverbrecher ausfindig zu machen.

Else zittert vor Angst, als sie das erste Mal zu einer solchen Befragung geholt wird. Ein Mann und eine Frau in Zivil sitzen ihr gegenüber, versprechen ihr bessere Behandlung und zusätzliche Essensrationen, wenn sie für die Sowjetunion arbeite. Else weigert sich.

Im letzten Jahr ihrer Internierung im Arbeitslager tritt allmählich eine Besserung der Zustände ein. Für die Frauen sind die nun stattfindenden Kulturabende eine Abwechslung, die sie geradezu aufsaugen. Unter den Kriegsgefangenen gibt es Musiker, die Konzerte geben oder zum Tanz aufspielen. Die Zwangsarbeiter führen Theaterstücke auf. Man singt, trägt Gedichte vor, sitzt beisammen und beobachtet den Sonnenuntergang in der Taiga.

Darüber, wie lange ihre Zwangsarbeit andauern wird, erhält Else die ganze Zeit keinerlei Auskunft. Mit Kriegsende wird ein großer Appell veranstaltet. Triumphierend teilen die Sowjets den Verschleppten mit, dass Hitler tot sei. Else erfasst die nackte Panik. Was geschieht nun mit ihnen? Geht es jemals wieder nach Hause? Die Lagerinsassen erhalten keine weiteren Informationen zum Weltgeschehen, sie sind völlig abgeschottet.

1947 dürfen sie über das Internationale Rote Kreuz Postkarten nach Hause schreiben. Es ist das erste Lebenszeichen, das Else ihrer Familie senden kann. Manche der Internierten erhalten niemals Antwort, denn alle Angehörigen sind tot. Auch Elses Post kommt anfangs zurück, doch dann kann sie mithilfe des Järischauer Pfarrers die Eltern ausfindig machen. Die Familie ist ins sächsische Frohburg umgesiedelt.

Nach vier Jahren und sieben Monaten im Lager Kemerowo wird Else entlassen. Der Transport nach Westsibirien im April 1945 hat aus 2000 Verschleppten bestanden, von ihnen kehren im Oktober 1949 nur 400 zurück.

Entlassungsausweis für Else Ilgner, Oktober 1949

Elses Ankunft auf dem Frohburger Bahnhof prägt sich ihr bildhaft ein. An ihrem Holzkoffer, der Wattejacke und den lila Strümpfen erkennen die Leute sofort, woher sie kommt.

»Als ich nach Hause kam, war ich seelisch am Boden. Ich hatte überhaupt kein Selbstbewusstsein mehr.«

Der Neuanfang in Frohburg ist für Else ein Kulturschock und es fällt ihr schwer, sich einzugewöhnen. Sie traut sich kaum auf die Straße und kann nachts nicht schlafen. Hilfsbereite Bekannte bringen ihr Kleidung vorbei, wollen im Gegenzug aber auch Details aus ihrer Gefangenschaft erfahren.

Das Arbeitsamt vermittelt ihr 1950 eine Stelle als Sachbearbeiterin bei der Konsumgenossenschaft in Borna, nach Gründung der Bezirksverbände 1952 arbeitet sie in Leipzig. Else ist für die Mit­glieder­organi­sation verantwortlich – für 400 000 Mitglieder und 12 000 ehrenamtliche Funktionäre. Sie muss ihre Menschenscheu überwinden, auf Versammlungen reden, sie muss funktionieren. Es fällt ihr schwer, doch nach und nach entwickelt sie große Freude an der Arbeit mit Menschen.

1956 absolviert sie ein Abendstudium im Fach Binnenhandel. Der Marxismus-Leninismus, Pflichtfach einer jeden Hoch­schul­ausbildung, erscheint ihr immer plausibler. Der Schwung beim Aufbau der DDR begeistert sie, und so wird Else Mitglied der SED und der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft DSF. Da sie mit der Kirche nicht mehr zurechtkommt, tritt sie aus.

Else heiratet, zieht einen Sohn und eine Tochter groß. Ihre Zeit im sibirischen Arbeitslager verdrängt sie, und offiziell ist dieses Thema in der DDR ein Tabu. Mit zwei Kollegen, die ebenfalls in Kemerowo interniert waren, tauscht sie sich dennoch ab und zu aus.

Vierzig Jahre bleibt sie in dem Betrieb. Ihr Verhältnis zum Sozia­lis­mus hat sich unterdessen stark verändert. Ihr Mann, ein Lehrer aus Berlin, ist Dolmetscher für die amerikanischen Besatzer in den alten Bundesländern gewesen. Als sogenannter Rückkehrer wird er vom Ministerium für Staatssicherheit MfS verfolgt, Else erfährt deshalb von der Genossenschaftsleitung offene Ablehnung.

Mit dem Willen, die Kluft zwischen Propaganda und Realität zu thematisieren, die Zustände in der DDR zu verbessern, Fehler im System zu beheben und Lügen aufzudecken, läuft Else stets gegen Wände.

Nach der deutschen Wiedervereinigung arbeitet Else ihre Ver­gangen­heit aktiv auf. Sie engagiert sich in verschiedenen Opfer­verbänden, fährt in die alte Heimat, wo sie Kontakte zu polnischen Heimatgruppen knüpft und für die katholische Kirche spendet. Mit unerschöpflicher Wissbegierde liest sie zahlreiche Bücher, um die Hintergründe ihrer Deportation und die Gescheh­nisse im National­sozialismus zu verstehen.

Bestätigung des DRK-Suchdienstes über Else Thomas‘ Internierung, Juni 2002

Bis zum heutigen Tag hat sie in mehr als fünfzig Vorträgen über ihr Schicksal berichtet. Else ist auf Versöhnung eingerichtet und stellt Toleranz und Solidarität in den Mittelpunkt ihres Handelns. Sie glaubt an das Gute.

Eine Opfer­entschädigung für die Jahre der Zwangsarbeit hat Else bisher nicht erhalten. Mit einer am 01. August 2016 in Kraft tretenden Richtlinie hat das Bundesministerium des Innern nun die seit Jahren diskutierte Entschädigung beschlossen. Auf Antrag wird den ehemaligen deutschen Zwangsarbeitern eine einmalige finanzielle Anerkennungsleistung ausgezahlt.