Arndt Senf

Arndt Senf

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»Wenn ich gestorben wäre, ich hätte es selbst gar nicht gemerkt.«

Der Dahlener Stadtteil Börln liegt in Nordsachsen, mitten im Städtedreieck Wurzen, Torgau, Oschatz. Das Ortsbild wird von einer Vielzahl von Dreiseithöfen geprägt. Auf einem der Höfe kommt am 13. Oktober 1929 Arndt Senf zur Welt. Seine Eltern betreiben Ackerbau und Viehzucht. Die Familie hat keine zusätzlichen Arbeitskräfte, aber Arndt und seine zwei älteren Schwestern helfen bei der Bewirtschaftung des Hofes mit, und so kann die Familie gut von den Erträgen leben.

Bis 1944 besucht Arndt die Volksschule in Börln, bedingt durch den Krieg findet der Unterricht jedoch nur sehr eingeschränkt statt. Im selben Jahr wird er vom Deutschen Jungvolk in die Hitlerjugend übernommen, was mit Vollendung des 14. Lebensjahres auto­ma­tisch geschieht. Die Mitgliedschaft in dieser Organisation ist für die Jugendlichen nicht nur eine Selbstverständlichkeit, die selten hinterfragt wird, sie ist auch Zwang, denn das »Gesetz über die Hitler-Jugend« von 1936 und die Einführung der »Jugend­dienst­pflicht« 1939 legen die Mitgliedschaft fest und verbieten sämtliche konkurrierenden Jugendverbände.

Ende 1944 wird Arndt zum Volkssturmlehrgang in die Kaserne nach Grimma einberufen. Am 9. April 1945, im Alter von 15 Jahren, findet seine Musterung zum Wehrdienst statt. Sein Wehrpass wird ausgestellt, er gilt als kriegsverwendungsfähig.

Wehrpass von Arndt Senf, ausgestellt im April 1945

Ende April erhält er den Einberufungsbefehl zur Verteidigung Grimmas. Die amerikanischen Truppen haben die Stadt jedoch längst besetzt und Kampfhandlungen finden nicht mehr statt. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen den Alliierten ziehen sich die amerikanischen Besatzer aus dem Gebiet zurück und die Rote Armee besetzt Börln.

Am 14. Juni 1945 wird Arndts Vater, der Gemeinderatsmitglied und deshalb in der NSDAP ist, mithilfe der deutschen Polizei von der sowjetischen Armee verhaftet. Auch Arndt wird wenige Monate später vom elterlichen Gut abgeholt. Es ist der 14. November 1945, als man ihn zum Gespräch mit dem Bürgermeister bittet. Das Ergebnis dieser Unterhaltung ist seine Verhaftung. Mit vorge­haltener Waffe überführen ihn die deutschen Polizisten ins Wurzener Gefängnis. Nun verhört ihn das NKWD, die sowjetische Geheimpolizei. Der Vorwurf lautet: »Werwolf«-Tätigkeit.

Die Organisation »Werwolf« ist eine Untergrundbewegung, die Heinrich Himmler im September 1944 ins Leben ruft, als die Westfront bereits die historischen deutschen Grenzen erreicht hat. Partisanen sollen hinter den feindlichen Linien Sabotage und Attentate auf die Besatzungstruppen verüben und die Bevölkerung gegen eine Kollaboration aufwiegeln. Es mangelt der Freischärlerbewegung an Freiwilligen, rechtzeitig erfolgter Ausbildung und Ausrüstung. Deshalb bleibt umstritten, ob der »Werwolf« in erster Linie ein Propagandaphänomen ist oder sogar die Aufteilung der Besatzungszonen beeinflusst. Fakt ist, dass die Organisation »Werwolf« ihre Opfer fordert, und dies sind hauptsächlich »innere Feinde« – also Deserteure und kriegsmüde Landsleute in den Tagen der letzten Kampfhandlungen.

Die sowjetischen Besatzungstruppen verhaften – von Anfang an durch die neu eingesetzten und von ihnen abhängigen deutschen Behörden unterstützt – in den Jahren nach dem Krieg zahlreiche Jugendliche. Sie werden zunächst in Gefängnissen interniert und dort unter Folter zum Geständnis ihrer »Werwolf«-Mitgliedschaft gezwungen. Unter dem Druck dieser Verhöre fallen meist die Namen weiterer Personen, mit denen gleichermaßen verfahren wird. Mehr als 10 000 Jugendliche werden in Gefangenenlager deportiert.

In Wurzen und der näheren Umgebung nimmt man 270 Personen in Gewahrsam. Niemand prüft die Vorwürfe, es gibt weder Prozesse noch Verurteilungen. Dass Arndt Senf während seiner Verhöre keinerlei Folter widerfährt, hat er offensichtlich seinem raschen Unterschreiben zu verdanken, auch wenn er die hand­geschrie­benen, auf russisch verfassten Protokolle nicht lesen kann.

Eine Woche verbleibt er im Wurzener Gefängnis, dann, am 21. November 1945, wird er gemeinsam mit acht älteren Männern in einem offenen Lkw nach Mühlberg verbracht. Dort befindet sich das Speziallager Nr. 1, ein sowjetisches Isolierungslager mit einer neunjährigen Geschichte:

1939 errichtet die deutsche Wehrmacht in der Nähe der Stadt Mühlberg/Elbe in Brandenburg auf einem 30 Hektar großen Areal das Kriegsgefangenenlager » M.-Stalag IV B«. Bis 1945 dient es dem NS-Regime als Registrier- und Sammellager für Soldaten aus fast allen Krieg führenden Nationen. Etwa 300 000 Gefangene durchlaufen es, laut Gräberbuch sterben 3032 von ihnen, sie werden auf dem Kriegsgefangenenfriedhof in Neuburxdorf bestattet.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee am 23. April 1945 wird das Lager für die Rückführung sowjetischer Kriegsgefangener genutzt. Ab September 1945 betreibt das NKWD den Stützpunkt nach dem GULAG-System als Speziallager Nr. 1. Von den fast 22 000 Inhaftierten werden ca. 3000 in die Sowjetunion deportiert. 3611 verlegt man bei der Auflösung des Mühlberger Lagers 1948 in das Speziallager Nr. 2 Buchenwald. 6765 Insassen überleben die Haftzeit nicht. Sie werden nackt in Massengräbern am Rande des Lagergeländes verscharrt.

Mit über 60 Gebäuden, nachhaltig auf Steinfundamenten errichtet, stellt sich das Speziallager Nr. 1 als regelrechte Barackenstadt dar. Das plane, vegetationsarme Gelände ist mit zahllosen Sicher­heits­maß­nahmen versehen: Von Wachtürmen flankierte Palisaden­wände, Stacheldraht und elektrische Einzäunungen, bewaffnete Posten mit Wachhunden und ständige Beleuchtung machen eine Flucht unmöglich.

Noch am Lagertor filzt man die Ankömmlinge und nimmt ihnen alles Brauchbare ab. Die Männer suchen das Lagergelände nach geeigneten Gefäßen ab, in denen sie Essen empfangen können. Jeder, der eine verrostete Blechbüchse findet, kann sich glücklich schätzen.

»Das war das Schlimmste, was ich als Erstes sah: dass in den Müllhalden nach verrosteten Blechbüchsen gebuddelt wurde. Müll, der noch von den französischen und englischen Kriegsgefangenen stammte.«

Die Eingewöhnung fällt dem schüchternen 16-Jährigen unglaublich schwer. Er ist der einzige deportierte Jugendliche aus seinem Dorf. Nun wird er in eine Baracke mit 200 Männern gesteckt, die alle erheblich älter sind als er.

Die tägliche Verpflegung im Lager Mühlberg besteht aus ca. 400 g Brot und Wassersuppe. Die ohnehin völlig unzureichende Ration wird zwischenzeitlich sogar um etwa die Hälfte gekürzt. Die Lagerinsassen leiden unter Hunger und Fehl­ernäh­rung. Dystrophie ist damit die am häufigsten verzeichnete Todesursache in den sowjetischen Speziallagern.

Arndt ist noch nicht lange interniert, da wird er ins Lazarett eingewiesen. Sein Magen rebelliert gegen die karge Kost, und obwohl Arndt hungert und jeder Bissen überlebensnotwendig wäre, behält er nichts bei sich. Ein Pfleger hilft ihm, wieder essen zu lernen, indem er Arndts Tagesration Brot röstet und dem trockenen Gebäck so etwas Geschmack verleiht.

In den Baracken müssen die Inhaftierten eng zusammenrücken. Die vom NKWD festgelegte Norm für die Unterbringung eines Häftlings sind 1,8 m², und dies gilt nur als Soll-Wert. In der Praxis ist das auf 10 000 Personen ausgerichtete Speziallager Nr. 1 mit durchschnittlich 25 000 Menschen belegt.

Typisch für die Unterkünfte sind die durchgängigen, zweistöckigen Holzpritschen, auf denen für eine Person nur 45 cm Platz verfügbar sind. Decken oder Strohmatten gibt es keine. Man wickelt sich die eigene Kleidung um den Leib, um die Hüften ein wenig zu polstern. Selten, und dann nur völlig unzureichend, werden die Hütten beheizt, dafür hat man die Fenster mit Brettern vernagelt.

Die Internierten besitzen nur die Bekleidung, die sie bei ihrer Verhaftung am Leibe getragen haben. Aus Sicherheitsgründen werden den abgemagerten Männern von Anfang an Schnürsenkel und Hosenträger entwendet. Wer ein Stück Draht findet, kann die Kleidung damit zumindest notdürftig befestigen. In den drei Jahren seiner Inhaftierung muss Arndt seine Sachen so lange anbehalten, bis sie verschlissen vom Körper fallen. Erst dann besteht die Möglichkeit, sich bei der Ausgabestelle Ersatz zu holen. Hier erhält man die gereinigte Kleidung Verstorbener.

Nur wenige Inhaftierte sind für die Aufrechterhaltung des täglichen Betriebs zuständig: für das Entsorgen der Jauche, das Heran­schaffen der Nahrungsmitteltransporte, den Ausbau der Baracken oder für die medizinische Versorgung. Allen anderen ist in Mühlberg – ganz im Gegensatz zu den sibirischen Arbeitslagern – absolute geistige und körperliche Beschäftigungslosigkeit verordnet. Die Essensausgaben sind die Höhepunkte des Tages, den Rest der Zeit döst Arndt oder versucht, seinen Körper und die Kleidung vom Ungeziefer zu befreien, das sich in den Baracken tummelt.

»Wenn ich munter wurde, war das manchmal ein seltsames Gefühl. Wäre ich im Schlaf gestorben, ich hätte gar nichts gemerkt davon. Ich döste so traumlos, als wenn ich völlig abgeschaltet hätte.«

Arndt hat keine Vorstellung davon, wie er jemals wieder aus seiner misslichen Lage heraus kommt. Er weiß, dass ihm eine Flucht nicht gelingen würde, also lebt er einfach auf morgen, in der stillen Hoffnung, eines Tages wieder nach Hause zu dürfen.

Mangelernährung und Untätigkeit schwächen die Internierten. Die sowjetische Kommandantur lässt die Häftlinge jeden Tag zu stundenlangen Zählappellen antreten. Stimmen die berechneten Zahlen nicht, wird die Prozedur wiederholt. Arndt bricht bei einem der Abendappelle vor Entkräftung bewusstlos zusammen.

Nachdem er sich im Lazarett einigermaßen erholt hat, wird er in eine Jugendbaracke verlegt und zum nächtlichen Kartoffelschälen eingesetzt. Die Zuschläge an Suppe oder eine heimlich verspeiste rohe Kartoffel, die er hier ergattern kann, bedeuten für Arndt die Verdopplung der sonstigen Tagesportion.

Im Februar 1947 findet eine groß angelegte Untersuchung der Lagerinsassen statt. Tausende Arbeitsfähige sollen deportiert werden, als Nachschub für diejenigen, die in Sibirien verstorben sind. Die Prüfung auf Tauglichkeit erfolgt, indem der Generalarzt in die Popacken der Männer greift. Findet er dort Muskelmasse, so ist das Schicksal des Häftlings besiegelt. Doch nur etwa 900 werden nach der Musterung für arbeitsfähig erklärt und für den soge­nannten Pelzmützen­transport ausgesondert, Arndt ist glücklicherweise keiner von ihnen.

Mühlberg ist ein Isolierungslager. Sowohl nach außen, als auch nach innen herrscht völlige Abschottung. Niemand darf seinen Barackenbereich verlassen. Um das Bilden von Kameradschaften zu verhindern, werden Häftlinge innerhalb des Lagers immer wieder verlegt. Arndt hat die gesamten drei Jahre lang keine Möglichkeit, der Familie eine Nachricht über seinen Verbleib zukommen zu lassen. Papier und Stift sind streng verboten. Selbst beim Tod eines Insassen werden dessen Angehörige darüber in Unkenntnis gelassen.

Eines Tages wird Arndt von einem Mann aufgesucht, der behauptet, Informationen über den Vater zu besitzen. Im NKWD-Lager in Tost (Toszek) wolle er ihn kennengelernt haben. Doch im Gegenzug für die Herausgabe seines Wissens verlangt der Mann Arndts Brotration.

»Da sagte ich: Du spinnst, hau ab, raus. Der wollte die Information nur verkaufen. Und da konnte er mir ja viel erzählen.«

Arndt lehnt den Handel ab. Ob der Mann tatsächlich Nachrichten vom Vater hatte, erfährt er nie.

Bespitzelung, Bestrafungen und Schikanen sind Lageralltag. Doch auch die Kultur wird in sämtlichen Lagern des GULAG-Systems großgeschrieben. Die Lagerkommandanten sind an Musik- und Theateraufführungen sehr interessiert und lassen auch die nötigen Instrumente beschaffen. Die Lagerkapelle Mühlberg spielt am 1. Mai 1946 sogar außerhalb des Lagers vor sowjetischen Offizieren.

Doch Ende des Jahres ist Schluss mit der »Kultura« – die Veran­staltungen widersprechen einer im Oktober erlassenen Lagerordnung, und außerdem lässt der physische Zustand der Häftlinge das Musizieren kaum mehr zu.

Im Juli 1948 beginnen die Entlassungen. Viele Häftlinge sterben noch kurz zuvor an der im Lager weitverbreiteten Tuberkulose. Am 7. August 1948 tritt Arndt mit 50 Mark Fahrgeld und einem Interniertenschein die lang ersehnte Heimreise an. Als Marsch­verpflegung hat er ein Dreipfundbrot erhalten. Er isst es unterwegs auf und hat nach Jahren zum ersten Mal das Gefühl, richtig satt zu sein.

Von nun an muss Arndt keinen Hunger mehr leiden. Die Familie erwartet seine Ankunft bereits, denn wenige Tage zuvor haben zwei aus Mühlberg Entlassene, die im Nachbarort wohnen, Bescheid gegeben. Arndts Vater kehrt nicht zurück. Er ist nach seiner Verhaftung tatsächlich ins NKWD-Lager Tost verbracht worden und stirbt dort nach drei Monaten Haft. Den zuverlässigen Beweis dafür bekommt Arndt erst Jahrzehnte später durch den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes.

Die Mutter und die Schwestern haben den Hof die ganze Zeit über alleine bewirtschaften müssen. Nun hilft Arndt wieder mit. Er besucht die Land­wirtschaft­liche Schule in Wurzen und schließt seine Lehre im April 1950 ab. Das Gut wird in die Land­wirt­schaftl­iche Pro­duktions­genossen­schaft (LPG) eingebracht.

Obwohl ihm bei der Entlassungsansprache in Mühlberg Still­schweigen auferlegt worden ist, weiht Arndt seine Verlobte Christa vor der Ehe in seine Lagervergangenheit ein. Sie heiraten 1953 und ziehen zwei Töchter groß.

Zu einem Häftlingskameraden, der heute in Schneeberg lebt, sowie zu zwei Gleichaltrigen aus dem Nachbarort Falkenhain hält Arndt Kontakt. Sie treffen sich anlässlich privater Feierlichkeiten, denn offizielle Treffen von ehemaligen Häftlingen sind nicht erlaubt.

Der Großteil der Dorfbevölkerung ist froh, dass die jungen Männer wieder zurück sind, aber es gibt darüber auch Getuschel: »Der Werwolf hat heute Treffen.« Arndt erfährt persönlich keine Nachteile, doch sein Schneeberger Freund darf nach der Rückkehr aus Mühlberg seine ehemalige Anstellung im Stadtdienst nicht mehr aufnehmen.

Die Existenz des Speziallagers Nr. 1 wird nach dessen Auflösung 1948 durch das SED-Regime konsequent verleugnet. Am 21. Dezember 1950 räumt die sowjetische Besatzungsmacht das Lager. Teile von Baracken hat man bereits demontiert. 1951 wird die Barackenstadt von Neubauern aus der Umgebung abgerissen.

Bei Feldarbeiten kommt es immer wieder zu Knochenfunden, denn die Massengräber sind nur oberflächlich zugeschüttet worden und ihre genaue Lage bleibt unbekannt. Konsequenz ist die Aufforstung des Areals. Die von Angehörigen ehemaliger Häftlinge auf dem Gelände niedergelegten Blumensträuße und Kränze werden durch DDR-Behörden immer wieder umgehend beseitigt.

Nach der deutschen Wiedervereinigung gründet sich 1991 die Initiativgruppe Lager Mühlberg e. V., die es sich zur Aufgabe macht, die Geschichte des Lagers zu erforschen und die Interessen der ehemals Inhaftierten zu vertreten. Arndt ist bei allen Arbeits­einsätzen dabei, in denen die Vereinsmitglieder seit 1992 das Lagergelände erschließen und eine Gedenkstätte für die Opfer des Zwangslagers errichten.

Nach dem Tod seiner Frau im Oktober 2013 lebt Arndt Senf allein auf dem großen Bauernhof in Börln. Im Dorf gibt es noch lediglich einen Bäcker. Um zu Ärzten oder Einkaufsmöglichkeiten zu gelangen, ist Arndt auf das Autofahren angewiesen, doch er weiß nicht, wie lange er sich dazu noch in der Lage sieht.

Jedes Jahr nimmt er an den Gedenktreffen auf dem ehemaligen Lagergelände in Mühlberg teil. Zudem engagiert er sich in der Wurzener Bezirksgruppe der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e. V. (VOS). Seine Enkel wollen einmal nach Mühlberg mitgenommen werden und den Ort, an dem Arndt drei Jahre seines Lebens gestohlen wurden, mit eigenen Augen sehen.

»Wenn ich gestorben wäre, ich hätte es selbst gar nicht gemerkt.«

Der Dahlener Stadtteil Börln liegt in Nordsachsen, mitten im Städtedreieck Wurzen, Torgau, Oschatz. Das Ortsbild wird von einer Vielzahl von Dreiseithöfen geprägt. Auf einem der Höfe kommt am 13. Oktober 1929 Arndt Senf zur Welt. Seine Eltern betreiben Ackerbau und Viehzucht. Die Familie hat keine zusätzlichen Arbeitskräfte, aber Arndt und seine zwei älteren Schwestern helfen bei der Bewirtschaftung des Hofes mit, und so kann die Familie gut von den Erträgen leben.

Bis 1944 besucht Arndt die Volksschule in Börln, bedingt durch den Krieg findet der Unterricht jedoch nur sehr eingeschränkt statt. Im selben Jahr wird er vom Deutschen Jungvolk in die Hitlerjugend übernommen, was mit Vollendung des 14. Lebensjahres auto­ma­tisch geschieht. Die Mitgliedschaft in dieser Organisation ist für die Jugendlichen nicht nur eine Selbstverständlichkeit, die selten hinterfragt wird, sie ist auch Zwang, denn das »Gesetz über die Hitler-Jugend« von 1936 und die Einführung der »Jugend­dienst­pflicht« 1939 legen die Mitgliedschaft fest und verbieten sämtliche konkurrierenden Jugendverbände.

Ende 1944 wird Arndt zum Volkssturmlehrgang in die Kaserne nach Grimma einberufen. Am 9. April 1945, im Alter von 15 Jahren, findet seine Musterung zum Wehrdienst statt. Sein Wehrpass wird ausgestellt, er gilt als kriegsverwendungsfähig.

Wehrpass von Arndt Senf, ausgestellt im April 1945

Ende April erhält er den Einberufungsbefehl zur Verteidigung Grimmas. Die amerikanischen Truppen haben die Stadt jedoch längst besetzt und Kampfhandlungen finden nicht mehr statt. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen den Alliierten ziehen sich die amerikanischen Besatzer aus dem Gebiet zurück und die Rote Armee besetzt Börln.

Am 14. Juni 1945 wird Arndts Vater, der Gemeinderatsmitglied und deshalb in der NSDAP ist, mithilfe der deutschen Polizei von der sowjetischen Armee verhaftet. Auch Arndt wird wenige Monate später vom elterlichen Gut abgeholt. Es ist der 14. November 1945, als man ihn zum Gespräch mit dem Bürgermeister bittet. Das Ergebnis dieser Unterhaltung ist seine Verhaftung. Mit vorge­haltener Waffe überführen ihn die deutschen Polizisten ins Wurzener Gefängnis. Nun verhört ihn das NKWD, die sowjetische Geheimpolizei. Der Vorwurf lautet: »Werwolf«-Tätigkeit.

Die Organisation »Werwolf« ist eine Untergrundbewegung, die Heinrich Himmler im September 1944 ins Leben ruft, als die Westfront bereits die historischen deutschen Grenzen erreicht hat. Partisanen sollen hinter den feindlichen Linien Sabotage und Attentate auf die Besatzungstruppen verüben und die Bevölkerung gegen eine Kollaboration aufwiegeln. Es mangelt der Freischärlerbewegung an Freiwilligen, rechtzeitig erfolgter Ausbildung und Ausrüstung. Deshalb bleibt umstritten, ob der »Werwolf« in erster Linie ein Propagandaphänomen ist oder sogar die Aufteilung der Besatzungszonen beeinflusst. Fakt ist, dass die Organisation »Werwolf« ihre Opfer fordert, und dies sind hauptsächlich »innere Feinde« – also Deserteure und kriegsmüde Landsleute in den Tagen der letzten Kampfhandlungen.

Die sowjetischen Besatzungstruppen verhaften – von Anfang an durch die neu eingesetzten und von ihnen abhängigen deutschen Behörden unterstützt – in den Jahren nach dem Krieg zahlreiche Jugendliche. Sie werden zunächst in Gefängnissen interniert und dort unter Folter zum Geständnis ihrer »Werwolf«-Mitgliedschaft gezwungen. Unter dem Druck dieser Verhöre fallen meist die Namen weiterer Personen, mit denen gleichermaßen verfahren wird. Mehr als 10 000 Jugendliche werden in Gefangenenlager deportiert.

In Wurzen und der näheren Umgebung nimmt man 270 Personen in Gewahrsam. Niemand prüft die Vorwürfe, es gibt weder Prozesse noch Verurteilungen. Dass Arndt Senf während seiner Verhöre keinerlei Folter widerfährt, hat er offensichtlich seinem raschen Unterschreiben zu verdanken, auch wenn er die hand­geschrie­benen, auf russisch verfassten Protokolle nicht lesen kann.

Eine Woche verbleibt er im Wurzener Gefängnis, dann, am 21. November 1945, wird er gemeinsam mit acht älteren Männern in einem offenen Lkw nach Mühlberg verbracht. Dort befindet sich das Speziallager Nr. 1, ein sowjetisches Isolierungslager mit einer neunjährigen Geschichte:

1939 errichtet die deutsche Wehrmacht in der Nähe der Stadt Mühlberg/Elbe in Brandenburg auf einem 30 Hektar großen Areal das Kriegsgefangenenlager » M.-Stalag IV B«. Bis 1945 dient es dem NS-Regime als Registrier- und Sammellager für Soldaten aus fast allen Krieg führenden Nationen. Etwa 300 000 Gefangene durchlaufen es, laut Gräberbuch sterben 3032 von ihnen, sie werden auf dem Kriegsgefangenenfriedhof in Neuburxdorf bestattet.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee am 23. April 1945 wird das Lager für die Rückführung sowjetischer Kriegsgefangener genutzt. Ab September 1945 betreibt das NKWD den Stützpunkt nach dem GULAG-System als Speziallager Nr. 1. Von den fast 22 000 Inhaftierten werden ca. 3000 in die Sowjetunion deportiert. 3611 verlegt man bei der Auflösung des Mühlberger Lagers 1948 in das Speziallager Nr. 2 Buchenwald. 6765 Insassen überleben die Haftzeit nicht. Sie werden nackt in Massengräbern am Rande des Lagergeländes verscharrt.

Mit über 60 Gebäuden, nachhaltig auf Steinfundamenten errichtet, stellt sich das Speziallager Nr. 1 als regelrechte Barackenstadt dar. Das plane, vegetationsarme Gelände ist mit zahllosen Sicher­heits­maß­nahmen versehen: Von Wachtürmen flankierte Palisaden­wände, Stacheldraht und elektrische Einzäunungen, bewaffnete Posten mit Wachhunden und ständige Beleuchtung machen eine Flucht unmöglich.

Noch am Lagertor filzt man die Ankömmlinge und nimmt ihnen alles Brauchbare ab. Die Männer suchen das Lagergelände nach geeigneten Gefäßen ab, in denen sie Essen empfangen können. Jeder, der eine verrostete Blechbüchse findet, kann sich glücklich schätzen.

»Das war das Schlimmste, was ich als Erstes sah: dass in den Müllhalden nach verrosteten Blechbüchsen gebuddelt wurde. Müll, der noch von den französischen und englischen Kriegsgefangenen stammte.«

Die Eingewöhnung fällt dem schüchternen 16-Jährigen unglaublich schwer. Er ist der einzige deportierte Jugendliche aus seinem Dorf. Nun wird er in eine Baracke mit 200 Männern gesteckt, die alle erheblich älter sind als er.

Die tägliche Verpflegung im Lager Mühlberg besteht aus ca. 400 g Brot und Wassersuppe. Die ohnehin völlig unzureichende Ration wird zwischenzeitlich sogar um etwa die Hälfte gekürzt. Die Lagerinsassen leiden unter Hunger und Fehl­ernäh­rung. Dystrophie ist damit die am häufigsten verzeichnete Todesursache in den sowjetischen Speziallagern.

Arndt ist noch nicht lange interniert, da wird er ins Lazarett eingewiesen. Sein Magen rebelliert gegen die karge Kost, und obwohl Arndt hungert und jeder Bissen überlebensnotwendig wäre, behält er nichts bei sich. Ein Pfleger hilft ihm, wieder essen zu lernen, indem er Arndts Tagesration Brot röstet und dem trockenen Gebäck so etwas Geschmack verleiht.

In den Baracken müssen die Inhaftierten eng zusammenrücken. Die vom NKWD festgelegte Norm für die Unterbringung eines Häftlings sind 1,8 m², und dies gilt nur als Soll-Wert. In der Praxis ist das auf 10 000 Personen ausgerichtete Speziallager Nr. 1 mit durchschnittlich 25 000 Menschen belegt.

Typisch für die Unterkünfte sind die durchgängigen, zweistöckigen Holzpritschen, auf denen für eine Person nur 45 cm Platz verfügbar sind. Decken oder Strohmatten gibt es keine. Man wickelt sich die eigene Kleidung um den Leib, um die Hüften ein wenig zu polstern. Selten, und dann nur völlig unzureichend, werden die Hütten beheizt, dafür hat man die Fenster mit Brettern vernagelt.

Die Internierten besitzen nur die Bekleidung, die sie bei ihrer Verhaftung am Leibe getragen haben. Aus Sicherheitsgründen werden den abgemagerten Männern von Anfang an Schnürsenkel und Hosenträger entwendet. Wer ein Stück Draht findet, kann die Kleidung damit zumindest notdürftig befestigen. In den drei Jahren seiner Inhaftierung muss Arndt seine Sachen so lange anbehalten, bis sie verschlissen vom Körper fallen. Erst dann besteht die Möglichkeit, sich bei der Ausgabestelle Ersatz zu holen. Hier erhält man die gereinigte Kleidung Verstorbener.

Nur wenige Inhaftierte sind für die Aufrechterhaltung des täglichen Betriebs zuständig: für das Entsorgen der Jauche, das Heran­schaffen der Nahrungsmitteltransporte, den Ausbau der Baracken oder für die medizinische Versorgung. Allen anderen ist in Mühlberg – ganz im Gegensatz zu den sibirischen Arbeitslagern – absolute geistige und körperliche Beschäftigungslosigkeit verordnet. Die Essensausgaben sind die Höhepunkte des Tages, den Rest der Zeit döst Arndt oder versucht, seinen Körper und die Kleidung vom Ungeziefer zu befreien, das sich in den Baracken tummelt.

»Wenn ich munter wurde, war das manchmal ein seltsames Gefühl. Wäre ich im Schlaf gestorben, ich hätte gar nichts gemerkt davon. Ich döste so traumlos, als wenn ich völlig abgeschaltet hätte.«

Arndt hat keine Vorstellung davon, wie er jemals wieder aus seiner misslichen Lage heraus kommt. Er weiß, dass ihm eine Flucht nicht gelingen würde, also lebt er einfach auf morgen, in der stillen Hoffnung, eines Tages wieder nach Hause zu dürfen.

Mangelernährung und Untätigkeit schwächen die Internierten. Die sowjetische Kommandantur lässt die Häftlinge jeden Tag zu stundenlangen Zählappellen antreten. Stimmen die berechneten Zahlen nicht, wird die Prozedur wiederholt. Arndt bricht bei einem der Abendappelle vor Entkräftung bewusstlos zusammen.

Nachdem er sich im Lazarett einigermaßen erholt hat, wird er in eine Jugendbaracke verlegt und zum nächtlichen Kartoffelschälen eingesetzt. Die Zuschläge an Suppe oder eine heimlich verspeiste rohe Kartoffel, die er hier ergattern kann, bedeuten für Arndt die Verdopplung der sonstigen Tagesportion.

Im Februar 1947 findet eine groß angelegte Untersuchung der Lagerinsassen statt. Tausende Arbeitsfähige sollen deportiert werden, als Nachschub für diejenigen, die in Sibirien verstorben sind. Die Prüfung auf Tauglichkeit erfolgt, indem der Generalarzt in die Popacken der Männer greift. Findet er dort Muskelmasse, so ist das Schicksal des Häftlings besiegelt. Doch nur etwa 900 werden nach der Musterung für arbeitsfähig erklärt und für den soge­nannten Pelzmützen­transport ausgesondert, Arndt ist glücklicherweise keiner von ihnen.

Mühlberg ist ein Isolierungslager. Sowohl nach außen, als auch nach innen herrscht völlige Abschottung. Niemand darf seinen Barackenbereich verlassen. Um das Bilden von Kameradschaften zu verhindern, werden Häftlinge innerhalb des Lagers immer wieder verlegt. Arndt hat die gesamten drei Jahre lang keine Möglichkeit, der Familie eine Nachricht über seinen Verbleib zukommen zu lassen. Papier und Stift sind streng verboten. Selbst beim Tod eines Insassen werden dessen Angehörige darüber in Unkenntnis gelassen.

Eines Tages wird Arndt von einem Mann aufgesucht, der behauptet, Informationen über den Vater zu besitzen. Im NKWD-Lager in Tost (Toszek) wolle er ihn kennengelernt haben. Doch im Gegenzug für die Herausgabe seines Wissens verlangt der Mann Arndts Brotration.

»Da sagte ich: Du spinnst, hau ab, raus. Der wollte die Information nur verkaufen. Und da konnte er mir ja viel erzählen.«

Arndt lehnt den Handel ab. Ob der Mann tatsächlich Nachrichten vom Vater hatte, erfährt er nie.

Bespitzelung, Bestrafungen und Schikanen sind Lageralltag. Doch auch die Kultur wird in sämtlichen Lagern des GULAG-Systems großgeschrieben. Die Lagerkommandanten sind an Musik- und Theateraufführungen sehr interessiert und lassen auch die nötigen Instrumente beschaffen. Die Lagerkapelle Mühlberg spielt am 1. Mai 1946 sogar außerhalb des Lagers vor sowjetischen Offizieren.

Doch Ende des Jahres ist Schluss mit der »Kultura« – die Veran­staltungen widersprechen einer im Oktober erlassenen Lagerordnung, und außerdem lässt der physische Zustand der Häftlinge das Musizieren kaum mehr zu.

Im Juli 1948 beginnen die Entlassungen. Viele Häftlinge sterben noch kurz zuvor an der im Lager weitverbreiteten Tuberkulose. Am 7. August 1948 tritt Arndt mit 50 Mark Fahrgeld und einem Interniertenschein die lang ersehnte Heimreise an. Als Marsch­verpflegung hat er ein Dreipfundbrot erhalten. Er isst es unterwegs auf und hat nach Jahren zum ersten Mal das Gefühl, richtig satt zu sein.

Von nun an muss Arndt keinen Hunger mehr leiden. Die Familie erwartet seine Ankunft bereits, denn wenige Tage zuvor haben zwei aus Mühlberg Entlassene, die im Nachbarort wohnen, Bescheid gegeben. Arndts Vater kehrt nicht zurück. Er ist nach seiner Verhaftung tatsächlich ins NKWD-Lager Tost verbracht worden und stirbt dort nach drei Monaten Haft. Den zuverlässigen Beweis dafür bekommt Arndt erst Jahrzehnte später durch den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes.

Die Mutter und die Schwestern haben den Hof die ganze Zeit über alleine bewirtschaften müssen. Nun hilft Arndt wieder mit. Er besucht die Land­wirtschaft­liche Schule in Wurzen und schließt seine Lehre im April 1950 ab. Das Gut wird in die Land­wirt­schaftl­iche Pro­duktions­genossen­schaft (LPG) eingebracht.

Obwohl ihm bei der Entlassungsansprache in Mühlberg Still­schweigen auferlegt worden ist, weiht Arndt seine Verlobte Christa vor der Ehe in seine Lagervergangenheit ein. Sie heiraten 1953 und ziehen zwei Töchter groß.

Zu einem Häftlingskameraden, der heute in Schneeberg lebt, sowie zu zwei Gleichaltrigen aus dem Nachbarort Falkenhain hält Arndt Kontakt. Sie treffen sich anlässlich privater Feierlichkeiten, denn offizielle Treffen von ehemaligen Häftlingen sind nicht erlaubt.

Der Großteil der Dorfbevölkerung ist froh, dass die jungen Männer wieder zurück sind, aber es gibt darüber auch Getuschel: »Der Werwolf hat heute Treffen.« Arndt erfährt persönlich keine Nachteile, doch sein Schneeberger Freund darf nach der Rückkehr aus Mühlberg seine ehemalige Anstellung im Stadtdienst nicht mehr aufnehmen.

Die Existenz des Speziallagers Nr. 1 wird nach dessen Auflösung 1948 durch das SED-Regime konsequent verleugnet. Am 21. Dezember 1950 räumt die sowjetische Besatzungsmacht das Lager. Teile von Baracken hat man bereits demontiert. 1951 wird die Barackenstadt von Neubauern aus der Umgebung abgerissen.

Bei Feldarbeiten kommt es immer wieder zu Knochenfunden, denn die Massengräber sind nur oberflächlich zugeschüttet worden und ihre genaue Lage bleibt unbekannt. Konsequenz ist die Aufforstung des Areals. Die von Angehörigen ehemaliger Häftlinge auf dem Gelände niedergelegten Blumensträuße und Kränze werden durch DDR-Behörden immer wieder umgehend beseitigt.

Nach der deutschen Wiedervereinigung gründet sich 1991 die Initiativgruppe Lager Mühlberg e. V., die es sich zur Aufgabe macht, die Geschichte des Lagers zu erforschen und die Interessen der ehemals Inhaftierten zu vertreten. Arndt ist bei allen Arbeits­einsätzen dabei, in denen die Vereinsmitglieder seit 1992 das Lagergelände erschließen und eine Gedenkstätte für die Opfer des Zwangslagers errichten.

Nach dem Tod seiner Frau im Oktober 2013 lebt Arndt Senf allein auf dem großen Bauernhof in Börln. Im Dorf gibt es noch lediglich einen Bäcker. Um zu Ärzten oder Einkaufsmöglichkeiten zu gelangen, ist Arndt auf das Autofahren angewiesen, doch er weiß nicht, wie lange er sich dazu noch in der Lage sieht.

Jedes Jahr nimmt er an den Gedenktreffen auf dem ehemaligen Lagergelände in Mühlberg teil. Zudem engagiert er sich in der Wurzener Bezirksgruppe der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e. V. (VOS). Seine Enkel wollen einmal nach Mühlberg mitgenommen werden und den Ort, an dem Arndt drei Jahre seines Lebens gestohlen wurden, mit eigenen Augen sehen.