Christof Melzer

Christof Melzer

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»Die Dolmetscherin sagte: ›Erzählen Sie nicht, was passiert ist. Sie hatten es gut.‹«

Venusberg ist ein kleiner Ort im Landschaftsschutzgebiet Oberes Zschopautal, der etwa 30 Kilometer südlich von Chemnitz liegt. Hier wird Christof Melzer am 25. August 1928 geboren. Mit seinem zwei Jahre älteren Bruder wächst er bei der Mutter auf. Wer sein Vater ist, bleibt ihm unbekannt. Die kleine Familie lebt unter ärmlichen Bedingungen, erhält aber Unterstützung durch die Tante der Jungen, eine gläubige Protestantin.

1935 wird Christof eingeschult, er beendet die Schule mit guten Abschlussnoten nach der achten Klasse. Seine Konfirmation findet am 18. April 1943 statt. Nur wenige Tage zuvor hat er seine Lehre als Maschinenschlosser begonnen.

Der Großvater hatte Christof bislang die Mitgliedschaft im Deutschen Jungvolk (DJ) verboten. Mit 14 Jahren muss er jedoch in die Hitlerjugend (HJ) eintreten. Die HJ wird bereits im Juli 1926 als nationalsozialistische Jugendbewegung gegründet und bleibt während der Weimarer Republik noch vergleichsweise unbe­deutend. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wandelt sich die HJ durch das Verbot sämtlicher kon­kur­rierender Jugendverbände von einer Partei- zur Staats­jugend und die anfangs formell freiwillige Mitgliedschaft wird per Gesetz zu einem Zwang.

Aufgrund seiner sportlichen Begabung wird der 16-jährige Christof im April 1945 als Scharführer eingesetzt. Im nahe gelegenen Marienberg drillt und trainiert man die Jugendlichen für ihren Einsatz an der Front und schickt sie dann in die damalige Tsche­cho­slo­wa­kische Republik. Am 8. Mai 1945 tritt die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs in Kraft, womit der Zweite Weltkrieg und die zwölfjährige NS-Herrschaft ihr Ende finden.

Nachdem Christof den fast 150 Kilometer langen Rückweg hinter sich gebracht hat, trifft er am 13. Mai 1945 wieder in Venusberg ein. Sein Ausbildungsbetrieb ist geschlossen, im Herbst 1945 folgen die Enteignung des Werkes und die vollständige Demontage zur Wieder­gut­machung der Kriegsschäden an die Sowjetunion. Christof muss sich nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen und beginnt eine Ausbildung als Zimmermann.

Am 16. August 1945 ist Christof mit seinen Freunden zu einem Kinobesuch in Gelenau verabredet. Gerade will er seine Jacke anziehen und sich auf den Weg machen, da fangen ihn vier Männer vor der Haustür ab. Zwei bewaffnete sowjetische Soldaten und ihr Hauptmann begleiten den Bürger­meister in die Wohnung.

»Der Bürgermeister sagte zu den Russen: ›Das ist er.‹«

Christof wird augenblicklich von den Soldaten mitgenommen. Man bringt ihn auf das Amtsgericht Marienberg und sperrt ihn in einen kleinen, unmöblierten Raum, in dem bereits sechs weitere Jungen sitzen. Laut Aussage des sowjetischen Offiziers soll es nach einer kurzen Befragung wieder nach Hause gehen. Doch statt dessen ist Christof fortan 671 Tage lang Gefangener der sowjetischen Besatzungsmacht.

Unter lautstarken Drohungen verhört ihn der sowjetische Hauptmann, während zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten die Vernehmung überwachen. Weil er, wie fast alle Jugendlichen, in der Hitlerjugend dienen musste, wird Christof automatisch eine Mitgliedschaft im »Werwolf« unterstellt.

In der Sowjetischen Besatzungszone SBZ wird die national­sozia­listische Partisanenorganisation »Werwolf« nahezu manisch verfolgt. Sie ist eine Untergrund­bewegung, die Heinrich Himmler im September 1944 ins Leben ruft, als die Westfront bereits die historischen deutschen Grenzen erreicht hat. Die Partisanentruppe soll hinter den feindlichen Linien Sabotage sowie Attentate auf die alliierten Besatzungstruppen verüben und die Kooperation der deutschen Bevölkerung unterbinden.

Es mangelt der Bewegung an Freiwilligen, rechtzeitig erfolgter Ausbildung und Ausrüstung. Die Vorstellungen der NS-Führung werden nicht einmal in Ansätzen umgesetzt. Deshalb bleibt umstritten, ob der »Werwolf« nicht in erster Linie ein Propaganda­phänomen ist. Fakt ist, dass die Spezialkommandos ihre Opfer fordern – hauptsächlich zivile »innere Feinde«, also Deserteure und kriegsmüde Landsleute in den Tagen der letzten Kampfhandlungen.

Während die westdeutsche Justiz nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Freischärler kaum zur Verantwortung zieht, ist in der SBZ eine regelrechte »Werwolf«-Hysterie entbrannt. Das NKWD, von Anfang an durch die neu eingesetzten und von ihnen abhängigen deutschen Behörden unterstützt, verhaftet zahlreiche Jugendliche. Mehr als 10 000 von ihnen werden anschließend in Spezial- oder Strafarbeitslager deportiert.

Acht Tage verbringt Christof in dem kleinen Zimmer, nur unter­brochen durch die Vernehmungen. Fast jeden Tag kommt ein neuer Jugendlicher zu der Gruppe hinzu. Zu zwölft werden sie schließlich auf einen Wagen geladen und nach Chemnitz gefahren. In der Gefängnisanstalt auf dem Kaßberg verbringt Christof weitere 14 Tage eingesperrt, erneut finden Verhöre statt.

Dann müssen die Jungen wieder auf einen Lkw steigen. Die Fahrt geht ins sächsische Bautzen zum sowjetischen Speziallager Nr. 4. Das Gebäude mit der gelben Klinkerfassade ist zwischen Juni 1945 und Februar 1950 Speziallager der Sowjetischen Militär­adminis­tra­tion in Deutschland SMAD, unter der Bezeichnung »Gelbes Elend« wird es bekannt und berüchtigt.

Die Verpflegung im Speziallager Nr. 4 besteht aus einem trockenen Kanten Brot am Morgen sowie mittags und abends dünner Suppe. Sollte einer der sechs Zelleninsassen gerade auf der Toilette sein, wenn das Frühstück ausgegeben wird, so fehlt seine Portion und wird auch nicht nachgereicht.

Nach vier Wochen im Speziallager Nr. 4 Bautzen werden die Inhaftierten aus ihren Zellen geholt und dazu angehalten, in Sechser-Reihen anzutreten. Das Formieren dauert lange, denn Hunderte sind versammelt. Dann muss die Gruppe zum Bahnhof marschieren, wo man die Jungen und Männer in Güterwaggons pfercht.

»Wurden 50 Mann reingesteckt und zugemacht. Da war es finster drin.«

Die Männer wissen nicht, wohin die Fahrt gehen soll. Vergeblich versuchen sie durch die Ritzen der Holzplanken zu erkennen, wo sie sich befinden. Im Waggon gibt es keinen Abort. Erst einen Tag später erreicht der Zug sein Ziel, den Bahnhof in Neuburxdorf. Wieder muss in Sechser-Reihen angetreten werden, dann geht es unter Bewachung etliche Kilometer bis nach Mühlberg an der Elbe.

1939 errichtet die deutsche Wehrmacht hier auf einem 30 Hektar großen Areal das Kriegsgefangenenlager »M.-Stalag IV B«. Bis 1945 dient es dem NS-Regime als Sammel- und Durchgangslager für Soldaten aus fast allen Krieg führenden Nationen. Die Rote Armee erobert am 23. April 1945 die Anlage und nutzt sie einige Monate für die Rückführung sowjetischer Kriegsgefangener. Ab September 1945 betreibt das NKWD den Stützpunkt nach dem GULAG-System als Speziallager Nr. 1.

Bei Christofs Ankunft Anfang Oktober 1945 stellt sich das Speziallager Nr. 1 als heruntergekommene Barackenstadt dar. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager ist von sämtlichem Mobiliar geplündert, dafür aber mit Ungeziefer und Unrat übersät. Bis Jahresende werden hier über 10 000 Gefangene versammelt. Etwa 60 Gebäude müssen zunächst mit zweistöckigen Holzpritschen versehen werden – kärgliche Schlafstätten, die eine Liegefläche von nur knapp einem halben Meter für jeden Internierten vorsehen. Es gibt weder Decken, noch Strohsäcke.

Die Fenster der Baracken vernagelt man bis auf ein schmales Ober­licht. Im Lager ist kaum Werkzeug vorhanden, doch die Arbeiten sind überraschend schnell umgesetzt. Das plane, vege­tations­arme Gelände ist mit zahllosen Sicherheitsmaßnahmen versehen worden: Von Wachtürmen flankierte Palisadenwände, Stacheldraht und elektrische Einzäunungen, bewaffnete Posten mit Wachhunden und ständige Beleuchtung machen eine Flucht unmöglich.

Die Internierten versuchen, sich aus dem Müll ihrer Vorgänger das Nötigste zusammenzusuchen. So werden verrostete Konserven­dosen und Ofenkacheln kurzerhand zum Essgeschirr. Trinkgefäße zu finden ist deutlich schwieriger, Besteck aufzu­treiben nahezu aussichtslos.

Die tägliche Verpflegung im Lager Mühlberg besteht aus ca. 600 g Brot und Wassersuppe. Die ohnehin völlig unzureichende Ration wird über mehrere Monate sogar um fast die Hälfte gekürzt. Die Lagerinsassen leiden unter quälendem Hunger und den Folgen einer Fehlernährung, denn die Nahrung besteht fast ausschließlich aus Kohlenhydraten. Lebensnotwendige Vitamine und Eiweiße sind so gut wie nicht enthalten.

Die sogenannte Pülpe (Maische), die den dünnen Suppen oft zum Sattmachen beigemischt wird, ist hinsichtlich ihrer Kalorienzahl völlig wertlos und zudem sogar gefährlich, da der Körper zu ihrer Verdauung mehr Energie aufwenden muss als er gewinnt und außerdem zahlreiche Fälle von Darmverschluss mit meist tödlichem Ausgang auftreten.

»Das war Abfall. Das kriegten die Schweine zur Mast, und uns kochten sie Suppe davon.«

Vom Hunger getrieben, sieht sich Christof gezwungen, eine alternative Nahrungszufuhr auszumachen, und verfolgt den Flug der Spatzen, die sich im Lagergelände aufhalten. Ab und zu gelingt es ihm, einen oder zwei zu fangen. Mit bloßen Händen rupft er die Vögel und kocht sie anschließend in seinem Essgeschirr. Nach der inneren Absperrung des Lagers bleibt Christof diese zusätzliche Nahrungsquelle versagt.

Anfangs ist es den Internierten nämlich noch möglich, sich in der gesamten Anlage des Speziallagers Nr. 1 frei zu bewegen. In der ersten Jahreshälfte 1946 errichtet man jedoch Stacheldrahtzäune, die das Lager in Aufenthaltszonen von je sechs bis acht Baracken einteilen. Den Gefangenen werden so der persönliche Bewegungs­spiel­raum und der Kontakt untereinander auf ein Minimum beschränkt.

Bei ihrer Ankunft und den darauffolgenden Kontrollen sind den Gefangenen nicht nur sämtliche persönlichen Gegenstände und Wertsachen abgenommen worden, sondern auch besonders gute Kleidungsstücke. Jeder, der einen warmen Mantel besitzt, macht diesen freiwillig unansehnlich, um ihn behalten zu können.

Es werden keinerlei Hygieneartikel ausgegeben, nicht einmal Toilettenpapier. Oft reißen sich die Männer aus der eigenen Kleidung kleine Lappen, um sich damit notdürftig zu reinigen. Eine Waschrinne mit Kaltwasser muss für 125 Gefangene reichen.

Wer im Speziallager Nr. 1 Mühlberg erkrankt, gerät zwangsläufig in eine hoffnungslose Lage. Dystrophie ist die am häufigsten verzeichnete Todesursache in den sowjetischen Zwangslagern. Das Lazarett ist stets von einer Vielzahl Gefangener überfüllt, die an Krankheiten wie Ruhr, Wassersucht, Rose, Typhus, Tuberkulose und Furunkulose leiden.

Die Ärzte verfügen weder über chirurgisches Besteck, Verbands­material noch Medikamente. Zur Behandlung der schweren Darmerkrankungen wird selbstgefertigte pulverisierte Holzkohle eingesetzt, entzündete Furunkel werden ausgebrannt.

Auch Christof erkrankt schwer. Eine doppelseitige, eitrige Mandel­entzündung schwächt ihn massiv, zudem bereitet ihm die damit einhergehende Schwellung im Rachen starke Probleme bei der Nahrungsaufnahme. Rasant magert er ab. Der Lazarettarzt verordnet ihm die einzig mögliche Behandlung: eine Eigenurin-Therapie. Mindestens dreimal täglich muss Christof mit seinem eigenen Urin gurgeln. Tatsächlich erholt er sich nach etwa zwei Wochen.

Doch kurz darauf erwischt es ihn erneut, eitrige Furunkel bedecken seinen ganzen Körper – eine typische Folge der Mangelernährung. Erneut soll er Wasser lassen und sich dann mit dem eigenen Harn einreiben, und es hilft.

Als er wieder aus dem Krankentrakt entlassen ist, versucht Christof, weiteren Krankheiten vorzubeugen. Darum pflückt er die wenigen auf dem Lagergelände wachsenden Grünpflanzen – Melde, Vogel­miere oder ähnliche Wildkräuter – und isst diese.

»Die anderen lachten mich aus. Aber ich dachte, wenn Kühe das fressen, muss es doch auch für mich gut sein.«

Der Lageralltag ist eintönig. Geweckt wird morgens um 7 Uhr, im Sommer bereits um 6 Uhr, dann folgen Brotausgabe, morgendlicher Zählappell, Mittagessen, Abendappell, Abendessen und um 22 Uhr die Nachtruhe, während der die Internierten ihre Baracken nicht mehr verlassen dürfen.

Gab es in der Ausbauphase des Lagers noch zahlreiche Arbeits­kommandos, so werden die Gefangenen spätestens ab Frühling 1946 zu striktem Nichtstun verpflichtet. Wenige Inhaftierte sind für die Aufrechterhaltung des täglichen Betriebs zuständig: das Entsorgen der Jauche, das Zubereiten der Nahrung oder das Heranschaffen von Brennmaterial. Ununterbrochen zu tun hat nur der Beerdigungstrupp, allen anderen ist in Mühlberg absolute geistige und körperliche Beschäftigungslosigkeit verordnet.

Heimlich spielen die Männer Skat oder Domino. Gegen das Schach­spielen haben die Sowjets keine Einwände. Christof findet heraus, dass ein Mann aus seiner Kompanie 1936 die Jugend­schach­meister­schaften gewann, und lässt sich von ihm das Spiel beibringen.

Eines Tages schlägt der Kompanieführer vor, die Zeit mit Fußball­spielen zu vertreiben. Tatsächlich schafft er es, einen ledernen, mit Rosshaar gefüllten Ball zu besorgen. Der Ball ist schwer, und in Ermangelung von Fußball­schuhen spielen die Internierten barfuß.

Die Begeisterung ist so groß, dass nach kurzer Zeit Lager­meister­schaften ausgerufen werden. Christofs Mannschaft schlägt sich sehr gut und schafft es ins Finale. Ihre Gegner sind jedoch ausgerechnet die Stabsmelder, größere und ältere Männer, die aufgrund ihrer Stellung mit doppelter Verpflegung versorgt sind.

Christofs Kompanieführer verspricht seiner Mannschaft ein ordentliches Essen, sollten sie gegen die Stabsmelder gewinnen. Die Aussicht spornt den Ehrgeiz der Internierten außerordentlich an. Schließlich ist es Christof, der kurz vor Spielende das 2 : 1 schießt und den Sieg für seine Mannschaft erringt.

»So was vergisst man nicht.«

Christofs Siegerplakette von der Fußball-Lagermeisterschaft ist das einzige Exemplar, das noch existiert. Allen anderen siegreichen Teilnehmern wurde die Plakette bei der Entlassung weggenommen.

Der Kompanieführer hält Wort. Zum Abendessen erhalten Christof und seine Kompanie einen vollen Wassereimer dicke Graupen­suppe, die sie kameradschaftlich untereinander aufteilen.

Im Februar 1947 findet eine groß angelegte Untersuchung der Lagerinsassen statt. Tausende Arbeitsfähige sollen als Nachschub für die in sibirischen Arbeitslagern Verstorbenen deportiert werden. Nur etwa 900 kann man nach der Musterung für arbeits­fähig erklären.

Christof ist aufgrund seiner schlechten körperlichen Verfassung nicht unter den Ausgesonderten, die schließlich mit dem sogenannten Pelzmützentransport ins russische Arbeitslager 7503/11 Anschero-Sudschensk gebracht werden. Stattdessen wird er als einer der Ersten am 16. Juni 1947 aus dem Speziallager Nr. 1 Mühlberg entlassen.

Insgesamt 29 Jugendliche dürfen im Juni 1947 in die Heimat zurückkehren. Zu dieser Zeit leben im Lager Mühlberg 12 880 Gefangene. Seit Jahresbeginn sind 2450 Insassen gestorben, viele davon konnten die im Lager weitverbreitete Tuberkulose oder den verheerend kalten Winter 1946/47 in den ungeheizten Baracken nicht überstehen.

Über einen Zwischenaufenthalt im Chemnitzer Kaßberg-Gefängnis gelangt Christof am 17. Juni 1947 wieder in das Amtsgericht Marienberg. Als man ihn in den großen Saal führt, sieht er sich wieder dem sowjetischen Hauptmann und der Dolmetscherin von seiner Festnahme gegenüber. Die Dolmetscherin übersetzt, dass man Christof nun nach Hause schickt und weist ihn an, über das Geschehene Stillschweigen zu bewahren:

»Sie sagte: ›Wenn wir hören, dass Sie was erzählen, kommen Sie wieder. Sie kommen aber nicht wieder nach Hause.‹«

Die ausgesprochene Drohung wiegt für Christof schwer. Aus Angst, erneut interniert zu werden, hält er sich an die ihm auferlegte Schweigepflicht. Seine Papiere bekommt er nicht zurück, man teilt ihm nur mit, er könne sich Lebensmittelmarken beim Bürger­meister abholen.

Christof nimmt eine Arbeit als Zimmermann bei der Wismut auf. Nach der Beendigung des Bergbaus in der Region Annaberg-Buchholz ist er ein Vierteljahr arbeitslos, dann erhält er eine Beschäftigung in einer Tischlerei in Scharfenstein. 1967 wird Christof vom Baubetrieb als Brigadier eingestellt und bleibt bis 1971, dann wird er nach einer Blinddarmentzündung aus seiner Brigadierstellung entlassen und arbeitet für drei Jahre wieder als Zimmermann.

1974 wird ihm vorgeschlagen, die Lehrlingsausbildung des Betriebes zu übernehmen. Christof absolviert die nötige Qualifi­kation und bildet fortan Lehrlinge und Studenten aus. Vorgesetzten gegenüber verhält er sich nicht immer unterwürfig und äußert offen seine Meinung. Da seine Arbeit jedoch von hoher Qualität und sehr gefragt ist, erwachsen ihm daraus keine Nachteile.

Christof heiratet am 23. September 1950 und bekommt mit seiner Frau eine Tochter. Sie bauen ein Einfamilienhaus in Venusberg. Nachdem die Bauarbeiten abgeschlossen sind und die Familie wieder etwas Geld zusammengespart hat, reisen sie viel. Etwa alle zwei Jahre geht es in den Urlaub. Die Reisegenehmigungen nach Bulgarien oder Ungarn lehnt man ab, aber er darf nach Itkol im Kaukasus, nach Sotschi und 1986 sogar in die Mongolei fahren. Christof genießt diese Zeit und sammelt viele eindrucksvolle Erfahrungen.

Doch ihm fällt auch auf, dass er auf seinen Urlaubsfahrten stets von einem Stasi-Beamten beobachtet wird. Besonders während seiner Mongolei-Reise wird die Überwachung durch einen MfS-Spitzel für ihn deutlich.

2014 macht Christof mit seiner Frau noch einmal eine große Reise nach Island, außerdem besuchen sie Kapstadt und Spitzbergen. Mitte des Jahres 2015 verstirbt seine Frau.

Christof wohnt weiterhin in dem Haus in Venusberg. Durch einen Unfall ist er hörgeschädigt. Seine zwei Enkel und die Urenkel sieht er nur selten, da sie nicht in der Nähe wohnen. Aufgrund seiner ein Jahr und neun Monate dauernden Gefangenschaft im Speziallager Nr. 1 Mühlberg erhält er eine Opferrente.

»Die Dolmetscherin sagte: ›Erzählen Sie nicht, was passiert ist. Sie hatten es gut.‹«

Venusberg ist ein kleiner Ort im Landschaftsschutzgebiet Oberes Zschopautal, der etwa 30 Kilometer südlich von Chemnitz liegt. Hier wird Christof Melzer am 25. August 1928 geboren. Mit seinem zwei Jahre älteren Bruder wächst er bei der Mutter auf. Wer sein Vater ist, bleibt ihm unbekannt. Die kleine Familie lebt unter ärmlichen Bedingungen, erhält aber Unterstützung durch die Tante der Jungen, eine gläubige Protestantin.

1935 wird Christof eingeschult, er beendet die Schule mit guten Abschlussnoten nach der achten Klasse. Seine Konfirmation findet am 18. April 1943 statt. Nur wenige Tage zuvor hat er seine Lehre als Maschinenschlosser begonnen.

Der Großvater hatte Christof bislang die Mitgliedschaft im Deutschen Jungvolk (DJ) verboten. Mit 14 Jahren muss er jedoch in die Hitlerjugend (HJ) eintreten. Die HJ wird bereits im Juli 1926 als nationalsozialistische Jugendbewegung gegründet und bleibt während der Weimarer Republik noch vergleichsweise unbe­deutend. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wandelt sich die HJ durch das Verbot sämtlicher kon­kur­rierender Jugendverbände von einer Partei- zur Staats­jugend und die anfangs formell freiwillige Mitgliedschaft wird per Gesetz zu einem Zwang.

Aufgrund seiner sportlichen Begabung wird der 16-jährige Christof im April 1945 als Scharführer eingesetzt. Im nahe gelegenen Marienberg drillt und trainiert man die Jugendlichen für ihren Einsatz an der Front und schickt sie dann in die damalige Tsche­cho­slo­wa­kische Republik. Am 8. Mai 1945 tritt die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs in Kraft, womit der Zweite Weltkrieg und die zwölfjährige NS-Herrschaft ihr Ende finden.

Nachdem Christof den fast 150 Kilometer langen Rückweg hinter sich gebracht hat, trifft er am 13. Mai 1945 wieder in Venusberg ein. Sein Ausbildungsbetrieb ist geschlossen, im Herbst 1945 folgen die Enteignung des Werkes und die vollständige Demontage zur Wieder­gut­machung der Kriegsschäden an die Sowjetunion. Christof muss sich nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen und beginnt eine Ausbildung als Zimmermann.

Am 16. August 1945 ist Christof mit seinen Freunden zu einem Kinobesuch in Gelenau verabredet. Gerade will er seine Jacke anziehen und sich auf den Weg machen, da fangen ihn vier Männer vor der Haustür ab. Zwei bewaffnete sowjetische Soldaten und ihr Hauptmann begleiten den Bürger­meister in die Wohnung.

»Der Bürgermeister sagte zu den Russen: ›Das ist er.‹«

Christof wird augenblicklich von den Soldaten mitgenommen. Man bringt ihn auf das Amtsgericht Marienberg und sperrt ihn in einen kleinen, unmöblierten Raum, in dem bereits sechs weitere Jungen sitzen. Laut Aussage des sowjetischen Offiziers soll es nach einer kurzen Befragung wieder nach Hause gehen. Doch statt dessen ist Christof fortan 671 Tage lang Gefangener der sowjetischen Besatzungsmacht.

Unter lautstarken Drohungen verhört ihn der sowjetische Hauptmann, während zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten die Vernehmung überwachen. Weil er, wie fast alle Jugendlichen, in der Hitlerjugend dienen musste, wird Christof automatisch eine Mitgliedschaft im »Werwolf« unterstellt.

In der Sowjetischen Besatzungszone SBZ wird die national­sozia­listische Partisanenorganisation »Werwolf« nahezu manisch verfolgt. Sie ist eine Untergrund­bewegung, die Heinrich Himmler im September 1944 ins Leben ruft, als die Westfront bereits die historischen deutschen Grenzen erreicht hat. Die Partisanentruppe soll hinter den feindlichen Linien Sabotage sowie Attentate auf die alliierten Besatzungstruppen verüben und die Kooperation der deutschen Bevölkerung unterbinden.

Es mangelt der Bewegung an Freiwilligen, rechtzeitig erfolgter Ausbildung und Ausrüstung. Die Vorstellungen der NS-Führung werden nicht einmal in Ansätzen umgesetzt. Deshalb bleibt umstritten, ob der »Werwolf« nicht in erster Linie ein Propaganda­phänomen ist. Fakt ist, dass die Spezialkommandos ihre Opfer fordern – hauptsächlich zivile »innere Feinde«, also Deserteure und kriegsmüde Landsleute in den Tagen der letzten Kampfhandlungen.

Während die westdeutsche Justiz nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Freischärler kaum zur Verantwortung zieht, ist in der SBZ eine regelrechte »Werwolf«-Hysterie entbrannt. Das NKWD, von Anfang an durch die neu eingesetzten und von ihnen abhängigen deutschen Behörden unterstützt, verhaftet zahlreiche Jugendliche. Mehr als 10 000 von ihnen werden anschließend in Spezial- oder Strafarbeitslager deportiert.

Acht Tage verbringt Christof in dem kleinen Zimmer, nur unter­brochen durch die Vernehmungen. Fast jeden Tag kommt ein neuer Jugendlicher zu der Gruppe hinzu. Zu zwölft werden sie schließlich auf einen Wagen geladen und nach Chemnitz gefahren. In der Gefängnisanstalt auf dem Kaßberg verbringt Christof weitere 14 Tage eingesperrt, erneut finden Verhöre statt.

Dann müssen die Jungen wieder auf einen Lkw steigen. Die Fahrt geht ins sächsische Bautzen zum sowjetischen Speziallager Nr. 4. Das Gebäude mit der gelben Klinkerfassade ist zwischen Juni 1945 und Februar 1950 Speziallager der Sowjetischen Militär­adminis­tra­tion in Deutschland SMAD, unter der Bezeichnung »Gelbes Elend« wird es bekannt und berüchtigt.

Die Verpflegung im Speziallager Nr. 4 besteht aus einem trockenen Kanten Brot am Morgen sowie mittags und abends dünner Suppe. Sollte einer der sechs Zelleninsassen gerade auf der Toilette sein, wenn das Frühstück ausgegeben wird, so fehlt seine Portion und wird auch nicht nachgereicht.

Nach vier Wochen im Speziallager Nr. 4 Bautzen werden die Inhaftierten aus ihren Zellen geholt und dazu angehalten, in Sechser-Reihen anzutreten. Das Formieren dauert lange, denn Hunderte sind versammelt. Dann muss die Gruppe zum Bahnhof marschieren, wo man die Jungen und Männer in Güterwaggons pfercht.

»Wurden 50 Mann reingesteckt und zugemacht. Da war es finster drin.«

Die Männer wissen nicht, wohin die Fahrt gehen soll. Vergeblich versuchen sie durch die Ritzen der Holzplanken zu erkennen, wo sie sich befinden. Im Waggon gibt es keinen Abort. Erst einen Tag später erreicht der Zug sein Ziel, den Bahnhof in Neuburxdorf. Wieder muss in Sechser-Reihen angetreten werden, dann geht es unter Bewachung etliche Kilometer bis nach Mühlberg an der Elbe.

1939 errichtet die deutsche Wehrmacht hier auf einem 30 Hektar großen Areal das Kriegsgefangenenlager »M.-Stalag IV B«. Bis 1945 dient es dem NS-Regime als Sammel- und Durchgangslager für Soldaten aus fast allen Krieg führenden Nationen. Die Rote Armee erobert am 23. April 1945 die Anlage und nutzt sie einige Monate für die Rückführung sowjetischer Kriegsgefangener. Ab September 1945 betreibt das NKWD den Stützpunkt nach dem GULAG-System als Speziallager Nr. 1.

Bei Christofs Ankunft Anfang Oktober 1945 stellt sich das Speziallager Nr. 1 als heruntergekommene Barackenstadt dar. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager ist von sämtlichem Mobiliar geplündert, dafür aber mit Ungeziefer und Unrat übersät. Bis Jahresende werden hier über 10 000 Gefangene versammelt. Etwa 60 Gebäude müssen zunächst mit zweistöckigen Holzpritschen versehen werden – kärgliche Schlafstätten, die eine Liegefläche von nur knapp einem halben Meter für jeden Internierten vorsehen. Es gibt weder Decken, noch Strohsäcke.

Die Fenster der Baracken vernagelt man bis auf ein schmales Ober­licht. Im Lager ist kaum Werkzeug vorhanden, doch die Arbeiten sind überraschend schnell umgesetzt. Das plane, vege­tations­arme Gelände ist mit zahllosen Sicherheitsmaßnahmen versehen worden: Von Wachtürmen flankierte Palisadenwände, Stacheldraht und elektrische Einzäunungen, bewaffnete Posten mit Wachhunden und ständige Beleuchtung machen eine Flucht unmöglich.

Die Internierten versuchen, sich aus dem Müll ihrer Vorgänger das Nötigste zusammenzusuchen. So werden verrostete Konserven­dosen und Ofenkacheln kurzerhand zum Essgeschirr. Trinkgefäße zu finden ist deutlich schwieriger, Besteck aufzu­treiben nahezu aussichtslos.

Die tägliche Verpflegung im Lager Mühlberg besteht aus ca. 600 g Brot und Wassersuppe. Die ohnehin völlig unzureichende Ration wird über mehrere Monate sogar um fast die Hälfte gekürzt. Die Lagerinsassen leiden unter quälendem Hunger und den Folgen einer Fehlernährung, denn die Nahrung besteht fast ausschließlich aus Kohlenhydraten. Lebensnotwendige Vitamine und Eiweiße sind so gut wie nicht enthalten.

Die sogenannte Pülpe (Maische), die den dünnen Suppen oft zum Sattmachen beigemischt wird, ist hinsichtlich ihrer Kalorienzahl völlig wertlos und zudem sogar gefährlich, da der Körper zu ihrer Verdauung mehr Energie aufwenden muss als er gewinnt und außerdem zahlreiche Fälle von Darmverschluss mit meist tödlichem Ausgang auftreten.

»Das war Abfall. Das kriegten die Schweine zur Mast, und uns kochten sie Suppe davon.«

Vom Hunger getrieben, sieht sich Christof gezwungen, eine alternative Nahrungszufuhr auszumachen, und verfolgt den Flug der Spatzen, die sich im Lagergelände aufhalten. Ab und zu gelingt es ihm, einen oder zwei zu fangen. Mit bloßen Händen rupft er die Vögel und kocht sie anschließend in seinem Essgeschirr. Nach der inneren Absperrung des Lagers bleibt Christof diese zusätzliche Nahrungsquelle versagt.

Anfangs ist es den Internierten nämlich noch möglich, sich in der gesamten Anlage des Speziallagers Nr. 1 frei zu bewegen. In der ersten Jahreshälfte 1946 errichtet man jedoch Stacheldrahtzäune, die das Lager in Aufenthaltszonen von je sechs bis acht Baracken einteilen. Den Gefangenen werden so der persönliche Bewegungs­spiel­raum und der Kontakt untereinander auf ein Minimum beschränkt.

Bei ihrer Ankunft und den darauffolgenden Kontrollen sind den Gefangenen nicht nur sämtliche persönlichen Gegenstände und Wertsachen abgenommen worden, sondern auch besonders gute Kleidungsstücke. Jeder, der einen warmen Mantel besitzt, macht diesen freiwillig unansehnlich, um ihn behalten zu können.

Es werden keinerlei Hygieneartikel ausgegeben, nicht einmal Toilettenpapier. Oft reißen sich die Männer aus der eigenen Kleidung kleine Lappen, um sich damit notdürftig zu reinigen. Eine Waschrinne mit Kaltwasser muss für 125 Gefangene reichen.

Wer im Speziallager Nr. 1 Mühlberg erkrankt, gerät zwangsläufig in eine hoffnungslose Lage. Dystrophie ist die am häufigsten verzeichnete Todesursache in den sowjetischen Zwangslagern. Das Lazarett ist stets von einer Vielzahl Gefangener überfüllt, die an Krankheiten wie Ruhr, Wassersucht, Rose, Typhus, Tuberkulose und Furunkulose leiden.

Die Ärzte verfügen weder über chirurgisches Besteck, Verbands­material noch Medikamente. Zur Behandlung der schweren Darmerkrankungen wird selbstgefertigte pulverisierte Holzkohle eingesetzt, entzündete Furunkel werden ausgebrannt.

Auch Christof erkrankt schwer. Eine doppelseitige, eitrige Mandel­entzündung schwächt ihn massiv, zudem bereitet ihm die damit einhergehende Schwellung im Rachen starke Probleme bei der Nahrungsaufnahme. Rasant magert er ab. Der Lazarettarzt verordnet ihm die einzig mögliche Behandlung: eine Eigenurin-Therapie. Mindestens dreimal täglich muss Christof mit seinem eigenen Urin gurgeln. Tatsächlich erholt er sich nach etwa zwei Wochen.

Doch kurz darauf erwischt es ihn erneut, eitrige Furunkel bedecken seinen ganzen Körper – eine typische Folge der Mangelernährung. Erneut soll er Wasser lassen und sich dann mit dem eigenen Harn einreiben, und es hilft.

Als er wieder aus dem Krankentrakt entlassen ist, versucht Christof, weiteren Krankheiten vorzubeugen. Darum pflückt er die wenigen auf dem Lagergelände wachsenden Grünpflanzen – Melde, Vogel­miere oder ähnliche Wildkräuter – und isst diese.

»Die anderen lachten mich aus. Aber ich dachte, wenn Kühe das fressen, muss es doch auch für mich gut sein.«

Der Lageralltag ist eintönig. Geweckt wird morgens um 7 Uhr, im Sommer bereits um 6 Uhr, dann folgen Brotausgabe, morgendlicher Zählappell, Mittagessen, Abendappell, Abendessen und um 22 Uhr die Nachtruhe, während der die Internierten ihre Baracken nicht mehr verlassen dürfen.

Gab es in der Ausbauphase des Lagers noch zahlreiche Arbeits­kommandos, so werden die Gefangenen spätestens ab Frühling 1946 zu striktem Nichtstun verpflichtet. Wenige Inhaftierte sind für die Aufrechterhaltung des täglichen Betriebs zuständig: das Entsorgen der Jauche, das Zubereiten der Nahrung oder das Heranschaffen von Brennmaterial. Ununterbrochen zu tun hat nur der Beerdigungstrupp, allen anderen ist in Mühlberg absolute geistige und körperliche Beschäftigungslosigkeit verordnet.

Heimlich spielen die Männer Skat oder Domino. Gegen das Schach­spielen haben die Sowjets keine Einwände. Christof findet heraus, dass ein Mann aus seiner Kompanie 1936 die Jugend­schach­meister­schaften gewann, und lässt sich von ihm das Spiel beibringen.

Eines Tages schlägt der Kompanieführer vor, die Zeit mit Fußball­spielen zu vertreiben. Tatsächlich schafft er es, einen ledernen, mit Rosshaar gefüllten Ball zu besorgen. Der Ball ist schwer, und in Ermangelung von Fußball­schuhen spielen die Internierten barfuß.

Die Begeisterung ist so groß, dass nach kurzer Zeit Lager­meister­schaften ausgerufen werden. Christofs Mannschaft schlägt sich sehr gut und schafft es ins Finale. Ihre Gegner sind jedoch ausgerechnet die Stabsmelder, größere und ältere Männer, die aufgrund ihrer Stellung mit doppelter Verpflegung versorgt sind.

Christofs Kompanieführer verspricht seiner Mannschaft ein ordentliches Essen, sollten sie gegen die Stabsmelder gewinnen. Die Aussicht spornt den Ehrgeiz der Internierten außerordentlich an. Schließlich ist es Christof, der kurz vor Spielende das 2 : 1 schießt und den Sieg für seine Mannschaft erringt.

»So was vergisst man nicht.«

Christofs Siegerplakette von der Fußball-Lagermeisterschaft ist das einzige Exemplar, das noch existiert. Allen anderen siegreichen Teilnehmern wurde die Plakette bei der Entlassung weggenommen.

Der Kompanieführer hält Wort. Zum Abendessen erhalten Christof und seine Kompanie einen vollen Wassereimer dicke Graupen­suppe, die sie kameradschaftlich untereinander aufteilen.

Im Februar 1947 findet eine groß angelegte Untersuchung der Lagerinsassen statt. Tausende Arbeitsfähige sollen als Nachschub für die in sibirischen Arbeitslagern Verstorbenen deportiert werden. Nur etwa 900 kann man nach der Musterung für arbeits­fähig erklären.

Christof ist aufgrund seiner schlechten körperlichen Verfassung nicht unter den Ausgesonderten, die schließlich mit dem sogenannten Pelzmützentransport ins russische Arbeitslager 7503/11 Anschero-Sudschensk gebracht werden. Stattdessen wird er als einer der Ersten am 16. Juni 1947 aus dem Speziallager Nr. 1 Mühlberg entlassen.

Insgesamt 29 Jugendliche dürfen im Juni 1947 in die Heimat zurückkehren. Zu dieser Zeit leben im Lager Mühlberg 12 880 Gefangene. Seit Jahresbeginn sind 2450 Insassen gestorben, viele davon konnten die im Lager weitverbreitete Tuberkulose oder den verheerend kalten Winter 1946/47 in den ungeheizten Baracken nicht überstehen.

Über einen Zwischenaufenthalt im Chemnitzer Kaßberg-Gefängnis gelangt Christof am 17. Juni 1947 wieder in das Amtsgericht Marienberg. Als man ihn in den großen Saal führt, sieht er sich wieder dem sowjetischen Hauptmann und der Dolmetscherin von seiner Festnahme gegenüber. Die Dolmetscherin übersetzt, dass man Christof nun nach Hause schickt und weist ihn an, über das Geschehene Stillschweigen zu bewahren:

»Sie sagte: ›Wenn wir hören, dass Sie was erzählen, kommen Sie wieder. Sie kommen aber nicht wieder nach Hause.‹«

Die ausgesprochene Drohung wiegt für Christof schwer. Aus Angst, erneut interniert zu werden, hält er sich an die ihm auferlegte Schweigepflicht. Seine Papiere bekommt er nicht zurück, man teilt ihm nur mit, er könne sich Lebensmittelmarken beim Bürger­meister abholen.

Christof nimmt eine Arbeit als Zimmermann bei der Wismut auf. Nach der Beendigung des Bergbaus in der Region Annaberg-Buchholz ist er ein Vierteljahr arbeitslos, dann erhält er eine Beschäftigung in einer Tischlerei in Scharfenstein. 1967 wird Christof vom Baubetrieb als Brigadier eingestellt und bleibt bis 1971, dann wird er nach einer Blinddarmentzündung aus seiner Brigadierstellung entlassen und arbeitet für drei Jahre wieder als Zimmermann.

1974 wird ihm vorgeschlagen, die Lehrlingsausbildung des Betriebes zu übernehmen. Christof absolviert die nötige Qualifi­kation und bildet fortan Lehrlinge und Studenten aus. Vorgesetzten gegenüber verhält er sich nicht immer unterwürfig und äußert offen seine Meinung. Da seine Arbeit jedoch von hoher Qualität und sehr gefragt ist, erwachsen ihm daraus keine Nachteile.

Christof heiratet am 23. September 1950 und bekommt mit seiner Frau eine Tochter. Sie bauen ein Einfamilienhaus in Venusberg. Nachdem die Bauarbeiten abgeschlossen sind und die Familie wieder etwas Geld zusammengespart hat, reisen sie viel. Etwa alle zwei Jahre geht es in den Urlaub. Die Reisegenehmigungen nach Bulgarien oder Ungarn lehnt man ab, aber er darf nach Itkol im Kaukasus, nach Sotschi und 1986 sogar in die Mongolei fahren. Christof genießt diese Zeit und sammelt viele eindrucksvolle Erfahrungen.

Doch ihm fällt auch auf, dass er auf seinen Urlaubsfahrten stets von einem Stasi-Beamten beobachtet wird. Besonders während seiner Mongolei-Reise wird die Überwachung durch einen MfS-Spitzel für ihn deutlich.

2014 macht Christof mit seiner Frau noch einmal eine große Reise nach Island, außerdem besuchen sie Kapstadt und Spitzbergen. Mitte des Jahres 2015 verstirbt seine Frau.

Christof wohnt weiterhin in dem Haus in Venusberg. Durch einen Unfall ist er hörgeschädigt. Seine zwei Enkel und die Urenkel sieht er nur selten, da sie nicht in der Nähe wohnen. Aufgrund seiner ein Jahr und neun Monate dauernden Gefangenschaft im Speziallager Nr. 1 Mühlberg erhält er eine Opferrente.